Der letzte Reisende Europas

Thomas Glatz

 

 Der letzte Reisende Europas

 

12.3.

Ich stehe an der Hotelrezeption, den Geldbeutel in der Hand, habe ich doch noch die Kurtaxe für eine Woche Touristenaufenthalt auf Malta nachzuzahlen, da fällt mein Blick auf einen Zettel, der dort ausliegt.

Liebe Gäste, die WHO hat Covid 19 zur Pandemie erklärt. Der Flugverkehr nach Deutschland und Frankreich ist deswegen ab 11.3. ausgesetzt worden. Für weiter Auskünfte wenden Sie sich bitte an die Französische bzw. Deutsche Botschaft.

Ein Moment, der das Herz kullern lässt. Morgen wäre unser Rückflug gewesen. Schneller als gedacht ist das nach Malta gekommen, was man später einmal die Corona-Krise nennen wird.

Bei der Einreise wurden alle von einer Wärmebildkamera gefilmt. Die mit Fieber durften nicht ins Land. In den Museen und Geschäften standen Handdesinfektionsspender. Vorgestern in der Zeitung wurde von 4 Corona-Fällen auf Malta berichtet. Der Flug- und Schiffsverkehr nach Italien wurde eingestellt. Sonst hat man hier eher wenig von der Corona-Krise mitgekommen.

Wieder im Zimmer. Bei der Deutschen Botschaft ist immer besetzt.

Auf der Homepage steht, man solle nicht anrufen, sie seien völlig überlastet. Man solle sich als deutscher Staatsbürger auf Malta melden, dann würde man auf eine Liste gesetzt und mit Chartermaschinen ausgeflogen. Wir schreiben eine Mail mit unseren Daten.

Eine deutsche Frau, die ab Mittag an der Hotelrezeption arbeitet, meint, am sinnvollsten sei es, schnell in ein Reisebüro zu gehen und selbst einen Flug über Istanbul nach Deutschland zu buchen. Die Politik unseres Hotels sei, wer auscheckt und zum Flughafen fährt, dürfe nicht mehr aufgenommen werden. Also die Übernachtung verlängern. Erstmal für eine Nacht.

Der Hygienespender in der Hotellobby wird heute auffällig häufig benutzt.

Die für uns zuständige Frau von unserem Reiseveranstalter Sonneschirmfreudereisetouristik telefonisch erreicht. Sie rät uns nichts selbständig unternehmen. Sonneschirmfreudereisetouristik würden sich darum kümmern.

Anruf vom Hotelmanager. Ob wir schon gehört hätten. Ja, wir haben schon gehört.

Lebensmittel und Wasser kaufen und noch Bücher. Im Schreibwarenladen um die Ecke. Wer weiß wie lange wir irgendwo an einem Flughafen sitzen und warten müssen. Wer weiß, wie lang die Geschäfte hier noch geöffnet sind.

Koffer packen, am Meer sitzen, unruhig in dem eben gekauften, wissenschaftlichen Buch über den Humor der Malteser lesen, und auf einen eventuellen neuen Anruf unseres Reiseveranstalters warten. Immerhin ist es jetzt sonnig und warm geworden.

Vati mailt in Deutschland hätten bis auf die Lebensmittelmärkte schon alle Geschäfte geschlossen. Das Leben würde sich anfühlen wie ein Salamander im Gefrierfach. Wir sollen unseren verlängerten Aufenthalt genießen. Klopapier scheint in Deutschland Mangelware zu sein. Es gibt unzählige Facebookposts. Unvorstellbar. Das Tuckern der Boote. Die an- und abschwellenden Wellen. Die Vogelschrift am Himmel.

 

Mit dem Bus ins nahe Valletta. Das öffentliche Leben ist nun auch in Malta über Nacht heruntergefahren worden.

Gestern waren wir noch im Pop-Up-Cinema und im ältesten Plattenladen der Welt. Heute haben nur noch ein paar Kirchen, eine Eisdiele, ein Andenkenladen und eine Ausstellung von sogenannten Dilettanten, also Hobbykünstlern, die maltesische Altäre und Kirchen nachgebaut haben, geöffnet. Und die Kirche mit den zwei echten Caravaggios. Dort sollen wir einen Kindertretroller abholen, den der Sohn einer befreundete Restauratorin und eines Kunstprofessors aus Zürich dort vor einen halben Jahr vergessen haben. Der Roller sei noch da. Sie hätten eine Mail bekommen. Roccos Töfftöff.

Vor der Kirche stehen gleich fünf Sicherheitsleute mit Mundschutz, die uns nicht einlassen wollen. Ich muss meine Flugtickets zeigen, ihnen bestätigen, dass ich vor dem 11. März eingereist bin und mich frei bewegen darf. Diejenigen Deutschen, die nach dem 11. März 12 Uhr ins Land gekommen sind, stünden unter Quarantäne und dürften ihre Hotelzimmer gar nicht mehr verlassen. Man lässt uns in die Kirche, allerdings darf man nurmehr mit Karte bezahlen und muss die Hände desinfizieren. Wir suchen die Caravaggio-Gemälde. Anruf von Sonnenschirmfreudetouristikreisen. Eine aufgeregte Dame am Apparat. Keine Neuigkeiten. Wir sollen nicht selbständig einen Flug buchen. In der Aufregung vergessen nach dem Töfftöff zu fragen.

In der Nähe des geschlossenen ältesten Plattenladens der Welt, dessen letzter oder vorletzter Kunde ich gestern war, sitzt wieder der Mandolinenspieler. Wo wir herkämen. Deutschland. Wir müssten jetzt auf eine Chartermaschine warten, die uns ausfliegt. Der Mandolinenspieler sagt, er dürfte eigentlich auch nicht mehr spielen, aber seine Frau hätte es mit ihm nicht ausgehalten, den ganzen Tag in der Wohnung, und ihn wie jeden Tag zum Spielen auf die Straße geschickt Wer weiß wie lange er das noch dürfe. So eine Pandemie, sagt er, das hätten selbst seine Eltern, die den 2. Weltkrieg miterlebt hätten, nicht erlebt. Erst China, dann Italien und jetzt die ganze Welt. So etwas hätte bisher Niemand erlebt. Er spielt ein deutsches Lied für uns „Die Gedanken sind frei“ und wünscht uns Glück. Wir ihm auch.

Noch eine Weile am Busbahnhof gesessen, der Mandoline von fern zugehört und auf die honigfarbenen Häuser von Valletta in der Abendsonne gekuckt.

Sehr bald wird es keine Straßenmusik mehr geben. Wer weiß für wie lange?

Viele afrikanisch aussehende Leute in den Bussen, kaum noch Einheimische. Die Busfahrer müssen alle Mundschutz tragen.

13.3.

Wieder Lebensmittel auf Vorrat gekauft. Wieder nichts von der Deutschen Botschaft gehört. Wieder für eine Nacht verlängert. Lange Schlange an der Rezeption. Wieder am Meer. Im Buch über den maltesischen Humor steht auf Malta gäbe es den Nordwind Arihfuq und den Südwind Rih Isfal. Beide würden auch als Metaphern für maltesische Gemütszustände benutzt- Arihfuq stünde für gute Laune und Rih Isfal für miese Laune.

In Malta gäbe es eine komische Figur namens Grahan. Das sei eine Junge zwischen 8-14 Jahren. In anderen Ländern gäbe es diese Figur auch, den erwachsenen Grahan, einen glückliche Dorfdeppen. Dieser hätte seinen Ursprung im 9-13. Jahrhundert. Im Arabischen gäbe den Guha oder Guhan, in Sizilien hieße er Giufa. Vermutlich sei die Figur des Guhan über Sizilien nach Malta gelangt. Eine Geschichte, die man sich auf Malta erzählt: Grahan sucht einen Schatz, den er in der Wüste vergraben hat und kann ihn nicht finden. Ein des Weges kommender Beduine sagt: „Du hättest die Stelle markieren sollen, an der du ihn vergraben hast“. Grahan: „Habe ich doch. Ich habe ihn genau unter einer bestimmten Wolke vergraben.“

Eine Frau, die auch in unserem Hotel wohnt, schreckt mich aus meiner Lektüre, erzählt dass man über Istanbul jetzt auch nicht mehr ausfliegen könne. Die hätten den. Bliebe nur noch über London. Das würde aber Tausend Euro kosten. Ein unvorteilhafter Topfhut verschattet ihr Gesicht. Sinnvoller sei es, auf diese Liste des Konsuls zu kommen und einen Platz in der Chartermaschine zu ergattern. London ginge im Moment noch.

England hat bisher noch keine Maßnahmen gegen die Pandemie mit dem Biernamen getroffen. Das merkt man auch hier. Wenn man noch gut gelaunte Touristengrüppchen sieht, die unbeschwert Pizza essen und Bier trinken, sind es Engländer.

14.3.

Wieder Lebensmittel auf Vorrat gekauft und aufs Zimmer gebracht. An der Rezeption nachgefragt, ob es Neuigkeiten gäbe. Wir werden angewiesen, unser Zimmer auf keinen Fall zu verlassen. Wir stünden unter Quarantäne. „Ihr müsst Tausend Euro Strafe zahlen, wenn ihr Draußen erwischt werdet. Anweisung des Hotelmanagers. Ihr dürft nicht mehr raus!“, sagt der Rezeptionist mit dem russischen Akzent, und dreht seinen angeknabberten Bleistift zwischen seinen Fingern. Deswegen die Teebeutel und der Wasserkocher vor unserer Tür! Aufmerksamkeit des Hotels für seine Gäste. Wir seien doch schon am 4. März eingereist. Das sei ein Missverständnis. „Das spielt keine Rolle. Klärt das morgen mit dem Hotelmanager. Heute bleibt ihr im Zimmer. Basta.“

Anderntags Telefonat mit dem Manager. Wir stünden nicht unter Quarantäne und dürften rausgehen. Er entschuldigt sich für den Irrtum.

Den Aufenthalt verlängert, wieder Koffer gepackt, wieder am Meer gesessen.

Im Buch über den maltesischen Humor findet sich ein Witz aus dem alten Rom. „Herr Doktor, ich habe so Nackenschmerzen vom Schlafen.“- „Wie schlafen Sie?“- „Auf dem Boden, den Kopf auf eine Amphore gelegt.“- „Benutzen Sie Daunen, um ihren Kopf draufzulegen, dann werden ihre Schmerzen schon weggehen“. Ein paar Tage später: „Herr Doktor. Ich habe immer noch schreckliche Nackenschmerzen.“- „Haben Sie meinen Rat denn nicht befolgt? Haben sie keine Daunen genommen?“ – „Doch.“- „Wie viele?“- „Ganz viele. Ich habe die Amphore damit ausgestopft.“

Telefongeklingel. Gleich doppelt. Bei mir ist es die für uns zuständige Frau von Sonnenschirmfreudetreisetouristik, die keine Neuigkeiten hat. Bei meiner Freundin ist der Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in der Leitung. Wir seien auf die Liste gekommen und hätten uns Morgen Mittag am Flughafen einzufinden. Es gingen zwei Chartermaschinen nach Frankfurt.

Näheres könne er nicht sagen. Wir sollten vor Ort die Leute in den orangen Warnwesten fragen. Die würden uns dann weiterhelfen. Die seien nicht zu übersehen.

Vor dem Denkmal für die prominente ermordete maltesische Enthüllungsjournalistin, ein Denkmal das wie das Michael-Jackson-Denkmal in München ursprünglich für jemand anderen errichtet, und dann von der Bevölkerung umgewidmet wurde gesessen, und hoffentlich ein letztes Eis gegessen.

Um 6 Uhr aufgestanden. Schon früh am Flughafen. Kaum Verkehr auf Malta. Wir sind viel zu früh. Leute in orangen Warnwesten sind nicht zu sehen.

Die Schlangen am Schalter für die Chartermaschinen sind lang. Das Social Distancing müssen die Deutschen Urlauber erst noch einüben.

Die Frau aus dem Hotel mit dem Topfhut, ist auch nicht zu sehen. Sie ist wohl noch nicht auf die Liste gekommen oder vielleicht schon über London ausgeflogen.

Reisende tauschen ihre Erlebnisse aus. Manchen seien am ersten Abend vom Abendessen weggeholt, und unter Quarantäne gestellt worden. Hätten ihr Hotelzimmer nicht verlassen dürfen. Hätten von Malta nichts gesehen außer während der Fahrt vom Flughafen zum Hotel. Muss sehr schön sein, dieses Malta, sagt ein Mann mit dem T-Shirtaufdruck Norbert, der Tepppichbodenprofi. In Deutschland schlimme Zustände. Klopapier ausverkauft.

Um Elf Uhr kommen ein Mann und eine Frau in gelben Warnwesten mit der Aufschrift Bundesrepublik Deutschland. Der Honorarkonsul mit einer Angestellten. Sie helfen weiter und beantworten Fragen.

 

„Odysseus erlitt Schiffbruch und verbachte 7 Jahre in Abgeschiedenheit auf der maltesischen Insel Gozo. Das haben meine Frau und ich auch schon befürchtet, dass uns das blüht“, erzählt Jemand hinter uns in der Schlange. Vermutlich ein Altphilologe.

Jeder kann eine potenzielle Corona-Viren-Schleuder sein. Ich, Du, der vermeintliche Altphilologe, Norbert der Teppichbodenprofi, der hilfsbereite schlaksige Honorarkonsul, die jungen Mädchen von der gestrandeten deutsche Klassenfahrt in der Schlange vor mir. Das muss ich mir jetzt endlich mal verinnerlichen.

Den Ausreisewilligen wird vor Abflug Fieber gemessen.

Im Flieger eingeschlafen.

Geträumt Norbert der Teppichbodenprofi sei unter einer bestimmten Wolke vergraben. Die Frau mit dem Topfhut trüge zum Hut eine gelbe Warnweste, und würde verzweifelt nach ihm buddeln. Was findet sie? Roccos Töfftöff.

Ankunft Frankfurt Flughafen. Kein seitenlanger Fragebogen mit Fragen wie wo man sich auf Malta aufgehalten hat, mit wem man wo alles Kontakt hatte ist auszufüllen. Das hatte ich befürchtet. Keine Passkontrolle. Keine Polizeikontrolle. Nichts. Nur ein fast menschenleerer Flughafen, leer gefegte Hallen, durch die der Rih Isfal (der mieseste Laune-Wind Maltas) thunderweeds bläst.

Ich komme mir vor, wie einer der letzten Reisenden Europas und mir wird schreckhaft bewusst, dass ich das in dem Moment tatsächlich bin.

 

Mit dem Zug nach München. Um Elf Uhr zu Hause um anderntags pünktlich wieder arbeiten zu gehen.

 

 

 

Name der Autorin/des Autors
Thomas Glatz
Link zur AutorInnen-Website
Der letzte Reisende Europas

2 Kommentare zu „Der letzte Reisende Europas

  • 25. Mai 2020 um 10:19
    Permalink

    Tja wenn einer eine Reise tut, hat er was zu erzählen. Was für ein Glück zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein für diese Erzählung, die meiner Meinung am besten dokumentiert, was in Europa zur Zeit los ist. Und wie leichtfertig wir unser Europa-Glück verspielen. Tja, die Götter lassen sich nicht überlisten, haben sich nicht hinters Licht führen lassen,(anknüpfend an Ulrich-Schäfer Newinger und seinen Kommentar über „Wetterbericht für Europa“). Corona schiebt einen Riegel vor und wir können nur hoffen, dass die Pandemie bald eine Episode sein wird, aus der wir lernen und einiges besser machen.

    Antworten
  • 25. Mai 2020 um 17:22
    Permalink

    Tja wenn einer eine Reise tut, hat er was zu erzählen. Was für ein Glück zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein für diese Erzählung, die in meinen Augen am besten dokumentiert, was in Europa zur Zeit los ist.
    Und wie leichtfertig wir unser Glück verspielen, wenn wir nicht aufpassen. Der Wink geht in Richtung Grenzschließungen bzw. wieder -Öffnungen. Tja die Götter lassen sich nicht überlisten, sich hinters Licht führen, ( dies anknüpfend an Ulrich-Schäfer Newinger & seinen Kommentar zu „Wetterbericht für Europa“). Corona deckt die fehler auf, glasklar und wir können nur hoffen, dass die Pandemie bald eine Episode sein wird, aus der wir gelernt haben und einiges besser machen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.