LUERIK

Gretchen heute

 

Ich bin das Gretchen, Faust,
bin Fräulein nicht, noch schön, noch dein,
werd niemals mehr die deine sein.
Noch, Faust, bin ich ein Mädchen.

Doch nicht mehr lang!
Den Mann,
der mir genehm ist, Faust
den such ich mir
schon selber aus.
Kaum bin ich aus dem Haus,
nichts gibt’s, was besser ich verstünde.
Du magst es Sünde nennen, Faust,
doch sei gewiss,
da gibt’s ganz andre Gründe.

Die Zeiten haben sich gewandelt, Faust.
Man bandelt
an, mal hier, mal dort,
läuft einer heiß,
schon bin ich fort.

Nichts bleibt beim Alten.
Die Welt ist unsre Welt,
die wir mit Hirn und Hand gestalten,
sie kennt kein Faustrecht
mehr und kein Geschlecht.

Und dann die Sache mit dem Kinde,
die, Faust, kannst du getrost vergessen.
Mein Körper, Faust,
den hast du nie besessen,
und wenn du glaubst
dass du mir Herz und Ruhe raubst,
ja, mich verwirrst
muss ich dir sagen,
dass du irrst,
auch wenn als Doktor du
beständig nur nach Höh’rem strebst
bleibt grau doch alle Theorie,
für die du lebst.
Von mir und meinen Küssen, Faust,
kannst du nicht wirklich etwas wissen.

Auch wenn’s dem Dichter nicht gefällt,
ich strebe nicht nach Gold und Geld,
ich nehme,
da mein ich, liegt des Pudels Kern,
ich nehm’ und gebe herzlich gern,
doch nur dem Freunde,
nicht dem Herrn.

Noch bin ich Gretchen, Faust,
Doch eh du deinen Augen traust,
ist Gretchen Frau,
kein Fräulein mehr, nicht Magd, noch Mädchen.

 

2020/2021

Sie haben Krebs
sagte der Radiologe

Ich bin nicht da
sagte ich

Sie müssen operiert werden
sagte der Chirurg

Ich bin nicht da
sagte ich

Sie benötigen eine Chemotherapie
sagte der Onkologe

Ich bin nicht da
sagte ich

Sie müssen bestrahlt werden
sagte der Strahlentherapeut

Ich bin nicht da
sagte ich

Am 30.4. haben Sie Ihren Nachsorgetermin

Ich werde da sein!

 

Ein Märchen

 

Manchmal bin ich Schneewittchen,
lass mein Haar herunter und beiß in jeden Apfel,
verlieb’ mich in den Drosselbart,
küsse den Frosch und den Mann im Mond.

Dann wieder spiele ich Aschenputtel,
tanze barfuss durch die Nacht,
wie ein Rumpelstilzchen.
Wer meinen Schuh findet, der ist es.

Um den bösen Wolf
mache ich einen großen Bogen,
wegen der sieben Geißlein,
man kann ja nie wissen,

am Ende lande ich noch im Uhrenkasten
oder in einem Backofen,
als Hexe natürlich,
für die Gretel hab ich kein Talent.

Da zieh ich schon lieber mit sieben Schwaben um die Häuser,
womöglich bis ins Schlaraffenland.
Vielleicht begegnet mir unterwegs
das tapfere Schneiderlein

oder der Hans im Glück.
Wenn sein Mühlstein zu schwer geworden ist,
werf’ ich ihn einfach in den Brunnen,
und spring hinterdrein.

Oben wartet sie schon, die Frau Holle.
Ich schüttle ihre Betten aus,
damit die Menschen wissen,
dass es mich noch gibt.

Sollte ich wirklich einmal alt werden,
halte ich mit einer Spindel einfach die Zeit an,
spinne weiter an meinen Geschichten,
und ihr wisst schon,

wenn ich nicht gestorben bin,
dann lebe ich noch heute.

 

 

 

 

Gespür für die Zeit

 

Vor dem Hintergrundrauschen tickt die Sonnenuhr.

Ich stehe im Fluss,
der längst nicht mehr derselbe ist,
das wissen meine Füße.

Und doch

geht an jedem neuen Tag die Sonne auf,
und nach zwölf langen Raunächten
feiern die Triebe
Jahr für Jahr
fröhliche Urständ.

Erst wenn

das Hintergrundrauschen verstummt ist
und der Zeiger der Sonnenuhr wandermüde,
wird der Rufer vom Turm
die erste Sekunde der Ewigkeit verkündet haben.

Name der Autorin/des Autors
ulrike.brandl@yahoo.de
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LUERIK

6 Kommentare zu „LUERIK

  • 22. April 2021 um 8:50
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    Schön, von Dir zu hören und dass Du Dich wieder gefunden hast.

    Antworten
  • 22. April 2021 um 13:38
    Permalink

    Es ist immer bereichernd Deine Gedichte zu lesen, sie öffnen mir neue Perspektiven und spiegeln so brillant und feinfühlig unser Zeitgeist. Grazie dafür!!

    Antworten
  • 22. April 2021 um 19:48
    Permalink

    Mich beeindruckt, wie Du mit so knappen Worten soviel ausdrücken kannst und zudem auch noch soviel Zauber versprühst. Weiter so!

    Antworten
  • 23. April 2021 um 4:39
    Permalink

    Liebe Karin, es freut mich ganz besonders, dass Dir meine Gedichte gefallen haben, und ich danke Dir für die Wertschätzung. Liebe Grüße von der Uli

    Antworten
  • 23. April 2021 um 15:55
    Permalink

    Sehr originell „Ein Märchen“, eine Wanderung durch die Märchenwelt, die sich die Autorin zu eigen macht, indem sie in jede Person hinein schlüpft und so das Märchen zu einer selbst erlebten Geschichte macht.

    Antworten
  • 24. April 2021 um 7:41
    Permalink

    Uli am 30.04.werde ich da sein genau richtig zu Deinem Geburtstag .Bin wie immer sehr begeistert von Deiner Leurik Herzlich Gigi

    Antworten

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