Kalter Krieg
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Diesen Gang ist sie noch nie entlanggelaufen. Doch heute ist er der einzige Weg von der Eingangshalle zu den Trainingsräumen. Die Beleuchtung ist spärlich, ein paar Glühbirnen an der Decke, das Glas staubverschmiert. Die Wände sind feucht und schimmern im fahlen Licht wasserlinsengrün. Der Gang ist schnurgerade und endlos. Zu lang für das Gebäude. Und müsste sie nicht das Klirren von Degen hören? Die Freigabe-Kommandos „en garde, prèts, allez“, die Treffer-Rufe „touché“, das Scharren der Schuhe auf der Fechtbahn? Nichts. Die Stille wird nur von dem unregelmäßigen Tropfen der Rinnsale unterbrochen, die auf dem Betonboden zerplatzen. Immer lauter. Bis sie explodieren. Mit einem scharfen Knall. Und noch einem. Plötzlich ist jemand neben ihr. Ein Schatten. Schwarz. Jetzt greift er nach ihrem Arm. Rüttelt und schüttelt ihn. „Nastia, Nastia!“

Anastasia schaut in die Augen ihres Vaters. Er beugt sich über sie, und sein Mund verzieht sich sekundenkurz zu der Parodie eines Lächelns. „Nastia, steh auf. Zieh dich an. Ihr müsst weg. Schnell.“ „Aber heute ist doch erst um zwei Training! Ich hatte einen schlimmen Albtraum. Ich bin müde. Ich will noch schlafen.“

„Das geht nicht. Draußen ist Krieg. Gleich kommt Andrei und bringt dich und deine Schwester nach Lviv. Dort seid ihr in Sicherheit.“

„Krieg?“ Das Wort ist Nastia so fremd wie den meisten 22-Jährigen in Europa. Krieg. Ja, 2014 hat Russland die Krim annektiert. Aber war das ein Krieg? Mit zwölf hatte Nastia andere Sachen im Kopf. Die Schule. Ihren ersten nationalen Fechtwettbewerb. Und Sasha. Die besorgten Blicke der Erwachsenen, die eindringlichen Gespräche mit hastig zum Flüstern gedimmten Stimmen, sobald die Kinder die Küche betraten. Nein, der Begriff hatte für sie keinen Geschmack. Weder nach Angst noch nach Unsicherheit, etwa so, wie wenn sie nachts aufwachte und der Wind die Äste der alten Weide gegen ihr Fenster peitschte, und der Mond einen hellen Streifen in die Dunkelheit um sie herum goss und sie im Aufwachen dachte, sie sei ganz alleine in diesem Haus, in der Stadt, im ganzen Land.

„Krieg?“, fragt sie, aber ihre Stimme wird verschluckt von einem lauten Dröhnen. „Flugzeuge“, erklärt ihr Vater. Komm, beeil dich.“

Eine halbe Stunde später sitzt sie neben ihrem Cousin Andrei in seinem grauen Skoda. Auf der Rückbank kauert Diana, eingeklemmt zwischen Rucksäcken und Taschen. Sie haben nur das Allernötigste einpacken können, und die 15-Jährige kramt verzweifelt in ihrem Seesack, auf der Suche nach dem Fläschchen Gucci Flora, das ihre Freundin Elena ihr zum Geburtstag geschenkt hat. Sie wollte es aufheben. Für eine besondere Gelegenheit. Sie findet es, reißt die Verpackung auf und sprüht feinen Nebel auf ihre Handgelenke. „Das stinkt wie verfaulter Jasmin“, schimpft Nastia und dreht sich halb zu ihr um. „Na und?“, faucht Diana ihre Schwester an. „Vielleicht fällt gleich eine Bombe auf unser Auto, dann sterbe ich wenigstens mit nem tollen Duft in der Nase.“

Ihre Fechttasche ist unheimlich schwer. So, als läge darin statt ihrem Degen ein Schwert. Nicht irgendein Schwert. Szczerbiec, das Schwert der polnischen Könige, von dem ihre Großmutter ihr vor dem Einschlafen gruselige Geschichten erzählt hat. Sie schleppt sich weiter durch die Halle, bis zu den Fechtböden ganz hinten. Dort wartet ihr Sparringspartner. Er sitzt auf einem Felsen und wiegt – nein, keinen Degen, sondern ebenfalls ein Schwert in seiner Hand. Die Runen darauf versprühen im Neonlicht grüne und rote Blitze. Der Mann ist ein Riese, auch er ist mit Zeichen übersäht, Tattoos von Tigern mit offenen Mäulern. Das ist nicht mein Sparringspartner, denkt sie. Da springt er auf die Kupferbahn und stößt mit der Schwertspitze gegen die Trefferanzeige in der Prellwand. „En garde“, schallt ein Gong aus der Tiefe, und ihr Gegner stürzt auf sie zu. Sie packt den Griff ihres Schwertes und pariert den ersten Stoß. Dort, wo sich die Waffen berühren, züngelt eine Flamme hervor, steigt in die Luft und verwandelt sich in eine weiße Viper. Sie bespuckt Nastia mit Eisstalaktiten. Die Wunden verfärben sich blau und gefrieren.

„Nastia, mir ist kalt.“ Diana schmiegt sich an die Schwester. „Wie kannst du nur im Stehen schlafen?“, fragt sie. „Das lernst du, wenn du auf Wettkämpfte fährst“; antwortet Nastia. „Außerdem kann ich hier zumindest nicht umfallen.“ Die beiden stehen in einer endlosen Menschenschlange vor dem Grenzübergang nach Polen. Seit 10 Stunden werden sie so weitergeschoben, Stücke für Stück, Richtung sicheren Boden. „Ihr könnt nicht in der Ukraine bleiben“, hat ihr Vater ihnen gestern gesagt. Da waren sie schon 15 Stunden gefahren, statt der üblichen 8, auf Schleichwegen und Sandpisten. „Andrei fährt euch bis zur Grenze, Von dort müsst ihr alleine weiter. Ihr seid meine großen Mädchen. Mama und ich haben keine Ruhe, solange wir nicht wissen, dass Ihr in Sicherheit seid.“ In Hrebenne haben sie sich in die Menschenmenge eingereiht. Es herrscht eine wortgeladene Stille. Die Rufe der Männer, das Weinen der Kinder, das Jammern der Frauen, das Jaulen der Hunde, das Klagen der Katzen, alles vermischt sich zu einer Wolke sprachloser Angst, die die Wartenden einhüllt. Auf ihrem Smartphone hat Nastia eine Seite aufgerufen, Host4Ukraine. Dort werden Unterkünfte vermittelt, in Rom und London, in Hamburg und München. Sie schreibt zehn Anbieter an. Und wartet auf Antwort. Aber diese Leute haben ganz sicher besseres zu tun, als minütlich nachzusehen, ob ihnen ein Flüchtling geschrieben hat. Flüchtling. Noch so ein Wort, dessen Geschmack Nastia nicht kannte, bis jetzt.

„En garde! Prèts! Allez!“ Sie wartet nicht auf den Angriff des Gegners. Finte, Flèche – und touché! Aber ihr Degen dringt durch den Brustschutz und weiter. Wie eine Fata Morgana zerfließt ihr Gegenüber zu einer glänzenden Lache. Sie stürzt ihrem Degen hinterher in die spiegelnde Kälte. Und versinkt, während um sie herum Gebäude und Menschen nach oben strudeln, zerstörte Häuser, leblose Kinder. Eines schwebt so nah an ihr vorbei, dass sein Haar ihre Hand berührt.

Nastia setzt sich auf. Neben ihr, unter einer karierten Bettdecke, atmet Diana leise und gleichmäßig. Hinterm Fenster leckt Sonnenlicht an schneebedeckten Bergen. Sie hört Vogelgezwitscher und Radiomusik. Es riecht nach Kaffee. Ein Wort, dessen Geschmack sie erkennt, und sie weiß, sie sind angekommen in ihrem Hafen auf Zeit.

 

Name der Autorin/des Autors
Marie Bastide
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Einverständnis
einverstanden
Kalter Krieg

2 Kommentare zu „Kalter Krieg

  • 31. Mai 2022 um 14:38 Uhr
    Permalink

    Mitten aus dem Leben gegriffen in den schrecklichen Bruderkrieg.
    Hat das Fechten noch eine symbolische Bedeutung, für Sie als Autorin

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