In den Bergen

So sehr in den Stein getreten war der Pfad, dass er andauernd hinfiel. Das Verwunderliche dabei: All die anderen, die, die vor ihm gingen und langsam aus seinem Blickfeld entschwanden oder schon entschwunden waren, die, die ihm nachfolgten und ihn überholten oder zu überholen anschickten oder bald zu überholen anschicken würden – all diese anderen, sie nahmen den Pfad mühelos.

Ja, ihnen machte ganz offenkundig die Glattheit des Weges nichts aus. Sie schienen sie nicht einmal zu bemerken. Sie gingen auf dem Weg, der sich durch die Steinberge wand in eine unbekannte, als besser gedachte Welt, wie man eben geht, wenn man mühelos voranschreitet. Nun gut, manch einer atmete schon einmal heftig, wischte sich den Schweiß (gleich, ob welcher da war) von der Stirn oder blieb gar für einen kleinen Moment stehen, drückte beide Hände unterhalb des Rucksacks gegen den Rücken, streckte das Kreuz einmal kräftig durch und stöhnte herzhaft und lebendig kurz auf. Gelegentlich war auch ein Jammern zu vernehmen. Und eine kleine Rast hie und da, die machten nahezu alle einmal. Manche nahmen sich sogar die Zeit und blickten wehmütig ein wenig zurück oder verträumt gegen die Berghänge, die sich in einiger Entfernung vor ihnen erhoben. Insgesamt offenbarte sich ihm eben jenes Verhalten, das zu erwarten ist, wenn sich der Weg weit und von unklarer Länge zeigt. Ein Verhalten, wie man es allgemein auch aus Freizeitwandergegenden bestens kennt.

Und sie alle, so sie sich auch im Detail durchaus unterscheiden mochten, hatten eines gemeinsam: einen sicheren Tritt. Sie rutschten nicht, glitten nicht aus, fielen nicht hin. Keinen von ihnen sah er stürzen, kein Wanken konnte er beobachten, nicht einmal ein Schliddern. Überall offenkundig ein fester und sicherer Tritt, wohin er auch blickte. Selbst bei jenen, die lediglich Sandalen, noch dazu mit lockerem Sitz, trugen. Und er war doch bestens präpariert, hatte Wanderstiefel hervorragender Qualität an den Füßen – mit einem Profil, das an Traktorreifen denken ließ, das tief war und allerbesten Grip versprach! Doch andauernd rutschte er weg, und immer wieder kam es zum Sturz.

Wenn er mitten auf den Pfad gefallen war, robbte, krabbelte er eilig an die Seite. Um die anderen nicht zu stören. Und weil die Scham es ihm befahl. War er an den Rand gestürzt, machte er sich einfach nur klein. Und stets blickte er um sich, in der fortwährend enttäuschten Hoffnung, niemand habe seinen Sturz bemerkt. Immerhin, beruhigte er sich dann Mal um Mal, hatte niemand darauf reagiert. War er wieder einmal übersehen worden. Und damit, so dachte er sich beruhigend, war es immerhin auch ein großes Stück weniger geschehen. Jedoch: Mit der Zeit empfand er es zugleich durchaus als unangenehm, dass all die anderen so über sein Missgeschick und damit auch ihn hinwegsahen. Und das mit jedem Vorkommnis mehr – wenngleich er weiterhin, und das wiederum nicht in abnehmendem Maß, erleichtert darüber war, dass sein Fallen, dass sein fortwährendes Scheitern zumindest vorgeblich unsichtbar blieb.

Gerade war er abermals gestürzt. Nun kauerte er am Wegesrand, rieb sich seine Handgelenke, die bereits deutlich geschwollen waren und ordentlich schmerzten. Entlastete seinen Rücken – der auf dem noch einigermaßen kurzen, aber eben schon recht lange andauernden Weg noch keine echte Pause erhalten hatte und sich zunehmend bemerkbar machte. Befühlte seine Knie, beide mit sich gefühlt überlagernden Blutergüssen versehen und auch mit aufgeschlagenen Stellen. Und sah denen nach, die sich vom letzten Sturz bis zu diesem direkt vor ihm befunden hatten und sich nun immer weiter von ihm entfernten. Rasch offenkundig so unerreichbar wurden, wie sie es von Beginn an, wenn auch dort noch nicht klar sichtbar, gewesen waren. Blickte denen entgegen, die sich ihm nun näherten. Die ihn erreichten. Die bald, aus seiner Sicht, auch nicht mehr da sein würden.

Da sprach ihn plötzlich jemand an: »Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen helfen?« Und dieser jemand reichte ihm die Hand. Er ergriff sie. Ließ sich hochziehen. Sehr verwundert – und außerordentlich erleichtert und erfreut. Als er stand, klopfte der Fremde ihm auf die Schulter und sagte: »Gut, dass Sie jetzt aus dem Weg sind: Den einfach zu blockieren, das geht ja nun wirklich nicht!« Dann wandte er sich ab und schritt davon. Im Fortgehen drehte er noch einmal seinen Kopf: »Und passen Sie in Zukunft gefälligst etwas besser auf, ja? Das gebietet schon der gute Anstand!«

»Danke!«, rief er zurück. Weil er zum Danke-Sagen noch gar nicht gekommen war. Und ärgerte sich sogleich. Denn dies war gewiss nicht der richtige Zeitpunkt dafür gewesen. Mehr sagte er nicht.

Irritiert, die Szene von eben noch einmal durchlebend, den Kopf langsam und fast unmerklich schüttelnd, blieb er für eine kleine Weile mitten auf dem Pfad stehen. Solange stehen, bis er plötzlich zur Seite geschoben wurde. Und eine Frauenstimme an sein Ohr drang, in sein Gehirn: »Mensch, machen Sie doch Platz hier!« So unerwartet aus seinem sicheren Stand gebracht, geriet er sogleich erneut ins Wanken und Rutschen – und stürzte, ohne auch nur einen einzigen Schritt nach vorne getan zu haben, schon wieder.

Nun kroch er nicht nur an den Wegesrand, sondern noch ein paar Meter über ihn hinaus. Gras war da und Distelkraut und etwas Gestrüpp, teils mit Dornen bewehrt. Mühsam richtete er sich in Hockstellung hin. Halb verdeckt für die anderen, für die auf dem Pfad, so glaubte er, von einem kargen Strauch.

Er ließ seinen Kopf sinken. Das Oberleder seiner Wanderstiefel war schon reichlich lädiert. Die Farben seiner Knie waren beeindruckend. Er hörte die Leute vorüberziehen. Er umfasste – erst das eine, dann das andere – seine schmerzenden Handgelenke. Er besah seine Hände, betrachtete die Abschürfungen, den langen blutigen Riss in seiner rechten Handfläche.

Irgendwann wagte er sich wieder vor. Kroch an den Rand des Pfades. Richtete sich auf. Ließ die anderen, die gerade seine Höhe erreicht hatten, passieren. Wartete noch ein paar Augenblicke, um Abstand zu gewinnen. Und setzte dann entschlossen einen Fuß auf den Pfad. Zog den zweiten nach. Platzierte den ersten noch ein Stück weiter Richtung Wegmitte. Schloss mit dem zweiten auf. Drehte sich um neunzig Grad. Stand sicher. In Laufrichtung. Richtete den Blick auf die fernen Berghänge. Schob die Daumen in Schlüsselbeinhöhe unter die Rucksackträger, atmete tief ein und machte sich groß. Wollte, musste es weiter versuchen! Und würde es jetzt, verdammt noch mal, auch endlich besser schaffen! Würde voranschreiten, einfach voranschreiten, wie all die anderen. Das nahm er sich vor. Darauf hoffte er. Das wagte er zu hoffen. Oder doch zumindest für nicht unmöglich zu erklären.

Vorsichtig schob er seinen rechten Fuß nach vorne. Verlagerte sein Gewicht langsam auf sein rechtes Bein. Genauestens sich vergewissernd, dass er so auch weiterhin festen Halt hatte. Hatte schließlich sein linkes Bein ganz vom Gewicht befreit. Setzte nun, schon ein ganz klein bisschen weniger zögernd, seinen linken Fuß nach vorne. Begann damit, erneut sein Gewicht zu verlagern – da merkte er, wie der linke Fuß leicht ins Rutschen geriet, vielleicht auch gar nicht geriet, sondern nur geraten konnte – jedenfalls: Die erwünschte, die notwendige Sicherheit war nicht da. Keineswegs da. Er nahm – etwas ruckartig vielleicht – Gewicht vom linken Bein zurück, belastete fast vollständig wieder sein rechtes. Schob den linken Fuß etwas zur Seite, befühlte, durch die dicke Sohle hindurch, den Boden, suchte den Halt, den es hier geben würde, zu erkunden. In dem Moment wurde er von hinten angerempelt, genauer an Po, Hüfte, Rucksack nach vorne gestoßen. Er strauchelte und fiel. Ein Kind quiekte auf. Rannte vier, fünf Schritte zurück, warf sich einem Mann an den Bauch, der wohl sein Vater war. Fand sofort Beruhigung und Trost, so dass sie – der Junge und sein Vater und der Rest der kleinen Gruppe, die ganz insgesamt eine Familie sein mochte – ihren Weg fast sogleich fortsetzen konnten. Als sie an ihm vorübergingen, sagte der Vater so laut zu dem Jungen, dass es gewiss im Grunde gar nicht oder nur zum kleineren Teil für diesen bestimmt war: »Man muss schon gucken, wo man hinläuft! Das ist sonst gefährlich. Man muss immer damit rechnen, das auch mal was im Weg ist.« Dann sah der Mann ganz kurz zu ihm herüber, zu ihm, der gleich wieder über den Wegesrand hinausgekrochen war und – mit unbestimmter Erwartung – die Szene beobachtete. Halb hob der Vater die Schultern dabei. Sie hatten ihre Ausgangslage erreicht, noch bevor der Vater wieder geradeaus blickte. Und schon war der Vater vorüber, war es sein Sohn, war es die ganze Familie.

Er sah ihnen lange nach, diesen Fremden. Und anschließend vielen anderen. Ungezählten, ja in doppeltem Sinne ungezählten anderen. Bis ihn eine Art beruhigende, betäubende Melancholie vollständig umfing.

Und irgendwann richtete er sich ein, dort hinter dem Wegesrand. Nahm seinen Rucksack ab. Setzte sich richtig. Öffnete seinen Rucksack. Machte Pause. Endlich einmal Pause.

Er wusste nicht, wie lange sie dauern würde. Er wusste nur, dass sie nötig war. Auch wenn sie ihm, der ja ohnehin kaum vorangekommen war, im Grunde nicht zustehen konnte. Oder musste nicht vielmehr gelten, dass er, der bislang noch vollkommen ohne Rast war, sie absolut redlich verdiente, ja, mehr verdiente als jeder andere? Ein schöner Gedanke. Doch klang er nicht arg nach Ausrede, nach bloßem rhetorischen Geschick?

Er betrachtete weiter die, die an ihm vorüberzogen. Ihr Zahlsymbol war, so insgesamt, das Unendlichkeitszeichen. Das war ihm bewusst. Schon lange bewusst, im Grunde. Er suchte es nur stets zu verdrängen. Zuweilen gelang ihm das fast. Doch letztlich war es ihm immer gewärtig, dass die anderen ihn in endloser Zahl überholten. Nur war diese Wahrnehmung eben manchmal weniger drückend als sonst. Und in den besten Momenten war der Druck sogar ganz weg – doch selbst dann blieb etwas von ihm zurück, eine Art Phantomdruck, der selbst, so an sich, vielleicht nicht schlimm war, doch der daran gemahnte: Da ist dieser Druck, dieser echte Druck, und er wird wiederkommen, unausweichlich.

Unendlich die Zahl derer, die an ihm vorüberzogen. Von Beginn an unendlich. Das dachte er sich. Und sah wehmütig in Richtung der anderen. Die unablässig – wenn auch mit großen Lücken zwischen sich – den Pfad nahmen, ihn einfach nahmen, ihn sich einfach nahmen. Als gehe es gar nicht anders.

Irgendwann schloss er die Augen. Und immer noch sah er sie weiterlaufen, ewiglich weiterlaufen, die anderen von eben. Und zu ihnen gesellten sich immer mehr, gesellten sich die, die, die vor ihnen gekommen waren, und jene, die ihnen nachfolgen würden. Und bald war kein Anfang und kein Ende mehr auszumachen. Hatten die Ersten die Letzten getroffen (oder umgekehrt), und in Form einer liegenden Acht war ein lückenloses, unendliches Marschieren. Ein höchst bedrohliches Marschieren. Das ihn ängstigte, entsetzlich ängstigte. Er riss die Augen auf.

Vor ihm die Schatten. Die Schatten der anderen, die gerade an ihm vorüberzogen. Er blickte hoch, hoch zu ihnen, den anderen, fort von ihren Schatten. Gleich ging es ihm ein ganzes Stück besser. War das Dunkle, das Endlose, das Unfassbare nicht mehr das Alleinwirksame. Doch weggehen, das wusste er, würde es nie.

Um sich weiter zu beruhigen und um seine Pause zu rechtfertigen, die ihm nun, da ihm aufgrund seines Zustands ein sofortiges Weitergehen gänzlich unmöglich erschien, endgültig unabdingbar vorkam, fragte er sich: Kam es auf die paar an, die jetzt, während seiner Pause, an ihm vorüberzogen? Fielen sie irgendwie ins Gewicht? Im Verhältnis zur Unendlichkeit, zur liegenden Acht? Auch wenn sie viele schienen, sehr viele – am Ende zählten sie nicht.

Das versuchte er sich einzureden. Und wusste dabei: Er würde es doch nicht ganz glauben können. Würde es ebenso wenig glauben können, wie er glauben konnte, dass für ihn ein echtes Vorankommen möglich war. Dass er einmal nicht von allen anderen überholt werden würde. Und wusste doch: Er musste glauben. Denn nichts anderes blieb ihm übrig.

Name der Autorin/des Autors
Jan-Eike Hornauer
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In den Bergen

2 Kommentare zu „In den Bergen

  • 20. April 2021 um 19:06
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    Durch Zufall traf ich auf Jan-Eike Hornauers Text „In den Bergen“. Ich las die ersten Sätze und wollte weitergehen. Zuhause wartete Thomas Mann auf mich. Doch das äußere Echo der Sprache in den Bergen ließ meine innere Welt ins Schwingen geraten. Ja, ich liebe Sprache. Besonders die gute, alte, deutsche, hohe Sprache. Ohne die Boahs, die Geilen, die Krassen, die Ficks und die Opfer! Und all die sprachlichen Bodenschlammfraktale, die mich langsam in jenen beginnen hineinzuziehen.
    „In den Bergen“ glüht das Leuchten vom ersten Satz an. So stark, so heftig, dass die Symbolebene präsenter wird als die Handlungsebene, die nicht loslässt. Ich war nie in den Bergen viel unterwegs, ich werde leicht schwindelig. In Jan-Eike Hornauers Bergwelt aber wurde ich im dritten Satz süchtig nach dem folgenden. Atemlos. Aber die Luft wurde nicht dünner. Im Gegenteil. Ich geriet mehr und mehr in die kontextuelle Welt und hatte meine große Freude an einer Sprache, die zu verschwinden droht. Dies um so mehr, als der öffentliche Raum aus idelogischen Gründen seine propagierte Sprachverflachung mit „einfache Sprache“ tituliert. Jan-Eike Hornauer zelebriert die Möglichkeitsvielfalt der deutschen Sprache über das gesamte Steigungsgefälle bis in jene Tiefe, in der sich das Dunkle Tal mit dem erlebten, weil geschilderten, Abgrund des Bergvagabunden vereint. Und so erreicht das Auge des Betrachters, zu dem das Ohr des Lesers sich unmerkbar wandelt, das Ende, das keines ist. Vielmehr erlebt man ein Panorama der Parallelwelt, das einer Gebirgskette von Hans-Werner Sahm. Aber da hat man schon längst das Gefühl gewonnen, man sei auf ein bislang verborgen gebliebenes Manuskript Thomas Manns gestoßen, das von fünf Sternen in einem fiktiven Trailer für diese aus meiner Sicht raren, wunderbaren Textschöpfung umkreist wird:
    Fünf Sterne, weil alles hier nicht genug sein kann!

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  • 22. April 2021 um 15:52
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    Besonders an den nachfolgenden Satz von Michael Moritz (treffend formuliert) natürlich ebenso an den nachfolgenden Inhalt des Textes „hänge“ ich mich gerne an! JE Hornauers jeweilige Geschichten und Gedichte sind einfach viel mehr als nur genial!

    „… In den Bergen glüht das Leuchten vom ersten Satz an. So stark, so heftig, dass die Symbolebene präsenter wird als die Handlungsebene, die nicht loslässt …“

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