Ich liebe meinen Chef

Ich liebe meinen Chef. Er schreit so schön.
Wenn er es länger durchhält – das Schreien, meine ich – drei Minuten oder gar vier oder Gott im Himmel sogar fünf Minuten – dann kommen wir gemeinsam zum Höhepunkt.

Ich stehe vor ihm, meine Gesichtszüge entgleisen, so wie die seinen, in den Pausen starren wir uns an mit glasigen, verschleierten Augen, so wie Menschen und Tiere nun mal schauen, wenn es soweit ist.

Nach der Entladung gehe ich zurück in mein Büro, entspannt und glücklich und glotze auf den Bildschirm, ohne etwas zu erkennen. Mein Chef lässt sich eine Zeitlang nicht blicken, so wie ich braucht er eine Pause nach dem Akt.

In letzter Zeit ist er ruhiger geworden. Vielleicht ist seine aktive Phase vorüber.

ABER – MEINE – DOCH – NICHT.

Ich stachle ihn an, reize und provoziere, überweise 10.000 Euro Gewinnausschüttung, die er für sich reklamiert auf das Konto seiner geschiedenen Frau.
Endlich ist es soweit.

Geld ist wie Sex, das habe ich schon immer gewusst.
Er schreit wieder, mein Chef – der Goldjunge.
Er macht mich fertig und ich stehe da und genieße es.

Kurz nach dem Höhepunkt fiel er um. Einfach so. Bums.
Als ich wieder zu mir kam, rief ich den Notarzt. Ist doch klar. Schließlich liebe ich ihn, den Chef.
„Herzinfarkt“ sagte der Arzt. „Nichts mehr zu machen“.
Danach habe ich gekündigt.

Jeden Sonntag gehe ich auf den Friedhof. Nachts. Dort schreie ich.

Es ist noch besser wie damals, als mein Chef schrie.

Name der Autorin/des Autors
Cornelia Koepsell
Ich liebe meinen Chef

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