Wenn ich an Europa denke

Barbara Pinheiro, Mai 2020

Europa ist wie ein Strauß aus vier Dutzend verschiedener Blumen. Jede mit ihrer eigenen Form und Farbe, ihrem eigenen Duft. Oder wie eine große Schar Kinder, jedes ein einmaliges Individuum und nicht von schlechten Eltern.

Es gab in Europa antike Hochkulturen, insbesondere der Griechen und Römer, die wichtige Bestandteile unseres gemeinsamen Erbes sind. Im Mittelalter entstanden neue, überwiegend christlich geprägte Reiche, die untereinander konkurrierten, um es milde auszudrücken. Das heißt, Kriege waren an der Tagesordnung, auch, als Nationen die Reichsidee ablösten. Erst nach dem 2. Weltkrieg wuchs der Konsens, dass es so nicht weiter gehen sollte.

Frieden und Kooperation sind nicht einfacher als Kriege, sehr arbeitsintensiv, aber unendlich viel sinnvoller. Die große Frage ist: Was ist gerecht, und wie begrenzt man die anscheinend unausrottbaren nationalen Egoismen zum Wohle aller?

Europa wird im Norden, Westen und Süden von Meeren begrenzt. Im Osten ist seine Grenze zu Asien fließend, eine Auslegungssache. Geografisch und klimatisch liegt der größte Teil Europas in gemäßigten Zonen, was Wirtschaft und Kultur seit jeher begünstigt. Die Europäer erfanden zwar nicht das Porzellan oder das Schießpulver, aber zum Beispiel den Buchdruck, die Dampfmaschine, die Telegraphie, das Auto und den Computer. Sie erforschten und eroberten große Teile der Welt, mit weitreichenden Folgen: Missionierung und Zerstörung, Zivilisation und Sklavenhandel, Wohlstand und Ausbeutung breiteten sich aus. Im Guten wie im Schlechten wirkte Europa prägend auf andere Kontinente.

Demokratie, Aufklärung, Menschenrechte, Humanismus sind europäische Errungenschaften. Sie geraten auch in Europa immer wieder in Gefahr. Ich sehe die wichtigste Aufgabe der Europäer darin, sich für diese Werte einzusetzen, die auch Ziele wie (Gender-) Gerechtigkeit, Umwelt- und Klimaschutz beinhalten. Europäer der verschiedenen Nationen sollten sich kennenlernen, austauschen, Verständnis für die Eigenarten der anderen Ethnien entwickeln und den Reichtum schätzen, der in der Vielfalt liegt. Konflikte wird es immer geben. Nur durch Verhandlungen und Kompromisse können sie vernünftig und fair gelöst werden. Und wir tragen Verantwortung für die Welt als Ganzes, ebenso wie die Bewohner der anderen Kontinente.

Wenn wir die Einheit Europas aufgeben würden, was wäre die Alternative? Ein Rückfall in finstere Zeiten. Trotz aller innereuropäischer Querelen – es ging uns nie so gut wie in den letzten sieben Jahrzehnten der Kooperation. Das dürfen wir nicht aufgeben! Ein einiges Europa ist jede Anstrengung wert.

P.S.

Und überhaupt: Was würde sonst aus dem European Song Contest??

Wenn ich an Europa denke

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