Kreuzwege nach Europa

Beate Gruhn

Die vorüber gleitende Herbstlandschaft im warmen Sonnenlicht bemerkt niemand. Die Reisenden lesen oder schlafen.

Merkwürdig, irgendwie kommt mir die Gegend hier bekannt vor. Jetzt ist die Landschaft geordnet, geglättet, aufgeräumt. Ich sehe kilometerlange grüne Flächen mit weißen, in Reihen aufgestellten Markierungen. War das damals nicht alles aufgewühlt, von Gräben durchzogen und verwüstet?

Wir halten in Andilly, einem Soldatenfriedhof. Jetzt erkenne ich unendlich viele weiße Kreuze. Strammstehen selbst im Tod. Ausgerichtet, jede Reihe gleich, jedes Kreuz, jeder Blick. Wie damals im Leben so im Tod. Schließlich wurde für Volk und Vaterland gekämpft.

Ich erkenne Namen, Berufe, das Alter, nein, die Jugend. Also ich würde sie, die Kreuze, in Bögen anordnen. Dazwischen Beete anlegen mit vielen Blumen. Nicht dieses nackte Grün mit Reihenkreuz.

Wir fahren weiter nach Bois Brûlé, einer Schanze mit weitem Geradeausblick auf das Schlachtfeld. Ich folge den Reisenden in einen Wald mit warmen Blätterfarben und doch unheimlich, abseits der markierten Wege ist er noch immer von Minen durchzogen. Es gibt einen Hinweis, auf dem gezeigt wird, wie wir damals in den Gräben gekämpft haben.

Da erinnere ich mich an die Augen im Schützengraben, diesen angstleidenden Blick meines Gegenübers, der aus dem Nebelnichts aufgetaucht war, während ich gelähmt dastand, denke daran, wie er zitterte, so stark zitterte, dass sich der Schuss automatisch löste, mich traf, mitten ins Herz. Welch ein Glück, ein qualvolles Sterben blieb mir erspart.

Ich höre, wie jemand einen Text von einer Tafel abliest, am Schützengraben der ersten deutschen Linie, laut, verfasst von einem Kommandanten wegen der Wichtigkeit, dass die Kameradschaft, der Zusammenhalt, die gegenseitige Hilfe, diese Selbstlosigkeit und Liebe unter den Soldaten intensiver war als zwischen Mutter und Kind. Klar, dass wir jungen Männer lieber in den Krieg zogen, als bei der Mutter zu bleiben.

Das nächste Ziel ist der amerikanische Soldatenriedhof Romagne-sous-Montfaucon. Ein schwerer Himmel hängt nun über der Gräberlandschaft, Regen bricht hervor und gibt den weißen Marmorkreuzen Glanz.

Wege führen durch die Reihen. Neben den vielen amerikanischen auch deutsche Namen auf den Kreuzen. Ich stutze und erkenne meinen Namen, immerhin auf Marmor eingemeißelt. In der nächsten Reihe auch zwei Marmordavidsternkreuze. Jetzt stehen die Kreuze also wieder in Reih und Glied. Glieder einer Kette, einer Menschenkette, keine Metallkette, nicht aus Stahl, nein, aus Fleisch und Blut, nicht wie diese Marmorkreuze, weiß, edel, unberührt, steril, leblos. Und wie hier der Rasen gepflegt ist, die Kanten gerade geschnitten! Alles Pflege für die Toten!

Nass, kalt und windig ist es inzwischen. Die Füße der Besucher schlittern auf dem Pfad durch das Unterholz. Ihre eleganten Stiefel werden mit Schlamm und Dreck beschmutzt, wie damals meine Kameraden, verdreckt die Uniform mit Tornister, hungrig vor Kälte zitternd, manchmal mit einem Verwundeten auf dem Rücken.

Die Besucher sehen müde aus, sind erschöpft. Ich erkenne von ferne die Befestigungsanlage mit den Riesenstahlhelmen, mit den Augenangstschlitzen wieder, diesen Schießscharten von damals. Gleich darauf nähert sich die Gruppe dem Fort de Douaumont, dem Höhepunkt der Reise.

Hohe Zypressen halten Wache. Die Gedenkstätte inmitten von unendlichen Rasenflächen mit weißen Kreuzen. Ich höre die Erklärung: Dies sei eine Gedenkstätte für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Ein wuchtiger Bau in großartiger Dimension mit riesigen langen Steinarmen, in deren Mitte, über dem Eingang, ein Turm ragt, wie eine Startrampe mit Rakete. Errichtet über den Gebeinen von etwa hundertzwanzigtausend Soldaten verschiedener Nationen, hier vereint im Tode. Erst im Tode? Warum nicht im Leben?

Hätte es doch eine Vereinigung der Lebenden gegeben – und ein Denkmal des Friedens!

Kreuzwege nach Europa

4 Kommentare zu „Kreuzwege nach Europa

  • 23. Mai 2020 um 18:26
    Permalink

    Der Leser begleitet einen scheinbar Reisenden und wird nach und nach in die Perspektive eines Soldaten eingeführt, der hier auf dem Feld der „Ehre“ sein Leben lassen musste. Seine Betrachtungen und Erinnerungen lassen etwas vom damaligen Zeitgeist erahnen, während der Besucher im Schlamm vor Kälte zittert. Sehr raffiniert erzählt, der Leser wird auf diese Weise sowohl mit der Gegenwart als auch mit der Vergangenheit konfrontiert. Die Aussage liegt auf der Hand: Nie wieder Krieg!

    Antworten
  • 26. Mai 2020 um 8:16
    Permalink

    guter Text! Liebe Grüße
    Marie-Sophie Michel

    Antworten
  • 27. Mai 2020 um 9:39
    Permalink

    Eine Reisegruppe ist unterwegs in Lothringen, um die Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs zu besuchen. Unsichtbarer Begleiter und Beobachter ist ein Opfer der mörderischen Kämpfe von damals. Es kommentiert die unendlichen Reihen von Kreuzen der Soldatengräber von Gefallenen, unter denen es auch sein eigenes entdeckt. Auf dem schlamm- und schmutzbedeckten Pfad mitten durch immer noch vermintes Gelände drängt sich die Frage auf: Warum mussten Unzählige verschiedener Nationen sterben, um zu einer Einheit im Tod zu finden? Diese Frage wirkt in dem ungekünstelten Text trotz des Verzichtes auf wortreiches Pathos als dringender Appell zu einer Vereinigung und Solidarität der Nationen in diesem Leben, zu einer Warnung davor, in von Feindschaft und Rivalität vermintem und verschlammtem Gelände zu versinken – ein beredtes Plädoyer besonders auch für ein vereintes, friedliches Europa.

    Antworten
  • 29. Mai 2020 um 17:55
    Permalink

    Der Text ist literarisch und gefällt mir sehr gut. Das Fließende zwischen Leben und Tod beeindruckend.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.