Das N-Wort

Das N-Wort

„Neger“, sagt die Tante, schon wieder. Sie sagt es gern, in der Pose einer Jeanne d’Arc im Kampf gegen die Politische Korrektheit. Es fühlt sich an wie ein Schlag.

Sie erzählt von einem Tennisspiel zwischen dem Franzosen Monfils und dem Deutschen Brown. Sie hat es sich im Fernsehen angeschaut. Die Spieler haben dunkle Haut, und so sagt sie „Neger!“

Die Tante berichtet von der Spielfreude der Schwarzen, von der angeblich für sie typischen Verspieltheit und Leichtigkeit, die „uns Weißen“ fehle. Weiße seien verbissen dagegen, während die Andersfarbigen „richtig Spaß“ hatten. Sagt sie.

Ich sage, dass man das nicht sagt, das N-Wort.

„Unsinn!“, lacht die Tante. „Ich darf das sagen, ich bin keine Rassistin.“ Von meinem Befremden ist sie angefeuert, wiederholt immer wieder das Wort, labt sich an meinem Unwohlsein. „Das liegt am Negerblut, das die so gut spielen! Warum sollte ich das nicht sagen dürfen?“

Ich versuche, ruhig zu bleiben und frage, was das Tennisspiel mit Blut und Hautfarbe zu tun hat. Warum ihr das so wichtig sei.

„Du wirst doch wohl nicht leugnen, dass es verschiedene Mentalitäten gibt“, versetzt sie.

„Mag sein“, entgegne ich, „das ist ein weites Feld. Aber warum verwendest du den Begriff, obwohl du genau weißt, dass er nicht nur mich stört?“

„Was ist so schlimm daran?“, fragt sie.

„Das N-Wort ist herabsetzend“, versuche ich zu erklären.

„Aber ich meine das positiv!“, wehrt sich die Tante. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“

„Was willst du denn sagen dürfen?“

„Neger. Ich sage ‚Neger‘ zu Negern. Ich hasse Tabus“, verkündet sie.

„Dich stört nicht, dass das rassistisch ist?“, will ich wissen.

„Ich bin keine Rassistin!“, versichert die Tante empört.

„Ich glaube, jeder Mensch ist rassistisch, sobald er Worte benutzt, die andere herabsetzen, auch wenn er es nicht beabsichtigt.“

„Das ist mir zu kompliziert“, sagt die Tante. „Es reicht mir, wenn ich weiß, dass ich es nicht herabsetzend meine. Die anderen sind mir egal. Außerdem bezeichnen die sich selbst auch so. Nigger. Negro heißt einfach schwarz.“

„Da ist ein Denkfehler drin“, wende ich ein. „Wenn du das N-Wort sagst, fällt das in dieselbe Kategorie wie ‚Nigger‘. Ein menschenverachtendes Wort, das die ganze Geschichte der Sklaverei in sich trägt.“

„Neger ist nicht wie Nigger“, widerspricht die Tante.

„Doch, ist es“, beharre ich.

„Für mich nicht“, sagt die Tante.

„Du bist nicht schwarz“, sage ich, „du kannst nicht wissen, wie es sich für schwarze Menschen anfühlt.“

„Du auch nicht“, sagt die Tante.

„Stimmt, aber wir haben beide kein Recht, Menschen mit einer anderen Hautfarbe als unserer ‚Nigger‘ zu nennen. Es ist dasselbe wie mit KZ-Witzen: Juden dürfen sie machen, aber du als Tochter von NS-Mitläufern und als Nichte eines SS-Offiziers darfst definitiv keine KZ-Witze machen.“

„Mache ich ja auch nicht“, schmollt die Tante. „Ich habe ein lebenslanges Trauma von der Nazigeschichte der Deutschen.“

„Ich glaube, das Trauma derjenigen, die im KZ waren, ist schlimmer“, entgegne ich.

Die Tante schweigt beleidigt.

„Sag nicht mehr das N-Wort, jedenfalls, wenn ich dabei bin“, bitte ich.

„Das ist mir zu kompliziert“, wiederholt die Tante. „Du stellst mich hier in die Rassisten-Ecke. Dabei benutze ich das Wort ‚Neger‘ völlig neutral.“

„Weißt du noch, wie du früher von Boris Beckers Spielfreude begeistert warst?“, frage ich.

„Klar.“

„Damals hast du von Boris Becker gesprochen, nicht von einem ‚weißen‘ Tennisspieler“, erinnere ich sie.

„Du wirst doch nicht bestreiten, dass es Unterschiede gibt?“, faucht die Tante.

„Zwischen einzelnen Menschen, ja“, gebe ich zurück. „Aber Sportlichkeit und Spielfreude hat nichts mit Hautfarben zu tun.“

„Guck dir doch mal die schwarzen Fußballspieler an“, widerspricht die Tante. „Was die mit dem Ball können, kann kein Weißer. Die Neger haben einfach ein besseres Ballgefühl. Die können ja auch besser tanzen.“

„Wenn ich dunkelhäutig wäre, müsste ich jetzt kotzen“, sage ich. „Deine Zuschreibung macht die Menschen unfrei. Du willst frei sein – dann lass auch andere frei sein, frei von deinen Zuschreibungen!“

„Es hört doch jetzt kein Neger zu“, wehrt sich die Tante. „Wir sind unter uns. Ich dachte, mit dir könnte man sich offen unterhalten. Ich hasse political correctness. Du nicht?“

„Wenn ‚politisch korrekt‘ bedeutet, andern sprachlich mit Achtung zu begegnen, auch wenn sie nicht mit im Raum sind, scheint es mir ein ziemlich sinnvolles Konzept zu sein“, entgegne ich.

„Ich will aber nicht jedes Wort im Mund herumdrehen müssen“, jammert die Tante. „Das ist mir zu anstrengend. Ich will ‚Negerküsse‘ sagen dürfen, wie ich es immer getan habe. Ich habe es nicht nötig, politisch korrekt zu sein, weil ich keine Rassistin bin“, erklärt die Tante. Damit wäre für sie das Thema erledigt. Doch ich lasse sie nicht so leicht davonkommen.

„Und was ist mit Hannah?“, werfe ich ein.

Hannah ist meine jüngere Schwester, dunkelhäutig, meine Mutter hat sie als Säugling aus Brasilien adoptiert. Sie tanzt Capoeira in einem Verein.

„Was soll mit ihr sein?“, blafft die Tante.

„Ist sie auch eine ‚Negerin‘?“

Die Tante wird unsicher – und giftig: „Jedenfalls kann sie besser tanzen als du!“

Name der Autorin/des Autors
Katharina Körting
Das N-Wort

3 Kommentare zu „Das N-Wort

  • 22. Juni 2020 um 15:48
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    Danke für diesen Beitrag! So halbwegs einfach es ist, zu Fremden zu sagen „diesen rassistischen Mist will hier niemand hören“, so schwierig sind die Diskussion mit Freunden und Verwandten. Danke dafür, dass du dieses Gespräch hartnäckig geführt und der Tante den Spiegel vorgehalten hast.

    Antworten
  • 25. Juni 2020 um 18:35
    Permalink

    Danke den Kommentar. Den Spiegel? Ich weiß nicht. Genausogut hätte ich den Text – der übrigens ein rein fiktiver ist und aus so manchem Gespräch schöpft (weder habe ich eine N-Wort-Tante, noch eine schwarze Schwester) – andersherum schreiben können: Das erzählende „Ich“ wäre dann die Tante, die nicht lassen will vom N-Wort. Also ich. Will nicht lassen von meinen Gewohnheiten, Privilegien, Sagendürfen, Weißseinohnedassichdarübernachdenkenmuss. So ein Andersherumtext, der mir selbst „den Spiegel vorhält“. Das probiere ich auch noch mal…

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