Oden an das Meer

Oden an das Meer

I

Es trägt mich. Das Meer. Trotzdem muss ich aufpassen. Erst schauen und sehen, was auf mich zukommt. Dann reagieren. Auf die Wellen. Ob kleine oder große kommen. Wie groß oder wie klein sie auf mich zu kommen. Die Wellen. Dann Wenden. Rein springen. In sie hinein tauchen oder ihnen ausweichen. Also muss ich schnell reagieren. Sehr schnell. Und von Mal zu Mal anders entscheiden. Und neu. Immer wieder neue Entscheidungen treffen. Bei jeder Welle. Weil jede Welle anders ist. Jede Welle kommt neu auf dich zu. Sonst habe ich Salz im Mund. Salzwassseeeerrrrr! Es trägt mich das Meer. Ich liege darin, darin herum wie ein Stück Holz, der größten Badewanne der Welt. (Ach wie unprosaisch! Wie kann man nur das Meer mit der Badewanne vergleichen!)

II

Ich schwimme im Meer. Zeige dem Meer meine Stirn. Oh, eine große Welle nimmt mich, erfasst mich. Ich drehe mich wie ein Delphin, zweimal um mich herum. Jetzt bin ich hinüber, über die Welle gehüpft. Jetzt habe ich Salzwasser geschluckt. Wende mich, zeige der Welle den Rücken, lass mich vom Meer ans Ufer drücken und robbe mich an den steinigen Strand, dem Meer zugewandt. (Du, du, du! Du wildes Meer du!) und ich jongliere auf den Steinen, jongliere auf dem steinigen Strand meinem Platz zu und lege mich auf das Handtuch. Huch! Ich hab’s geschafft. Alles wieder im Lot.

III

Ich kämpfe mit dem Meer
Nein, nicht mehr
Ich kämpfe nicht mehr.
Ich spiele die tote Frau im Meer
und wasche mich rein
(vom Deutsch-Sein?)
Das Meer flirtet mit mir,
bin ihm so nah auf der Steinbank
es umspült mich,
wirft seinen Gischt
nur so über mich
seinen Schaum . . .
Oh, Göttin Aphrodite!

IV

Hier ist das gestrandete Schiff
das Schiff, das zerbrochen ist
hier . . . das Kunstwerk !
. . . I c h . . .
auf dem Steinpodest, das Kunstwerk
. . . ich, ja ich . . .
gestrandet hier
gescheitert mit allem
privat und beruflich!

V

Wie ist es heute, das Me –er?
Es rauscht mehr und me—hr
Ein Wind geht he—her,
ein starker Wind. . . .
Es schunkelt mich hin und he—er,
das Me—er . . . / . . .
Es treibt mich an
schiebt mich voran . . .
die Wellen werden höh—er.
Ich schwimme an der größten
A u s l ä u f—er—Welle vorbei,
die schiebt mich an Land
und spült mich an Strand,
da pfeift ei—ner und
winkt mich he—er
Ge—fähr—lich ist
heute das Me—er
„full of dan—ger“, sagt er,
der Aufpass—er
draußen an der Steinbank
bricht das Me–er
der hohen Meeres- Wellen
spritzt hoch die Gischt
in dessen weißen Schaum
ich bade wie Venus im Bade
und schreie, o Mist,
da schlägt es mich, das Meer
Au!

VI

Das Meer ist heute rot.
Ich mache die Augen zu
und sehe ein rotes Meer.
Rote Wellen rollen auf mich zu.
Es ist verrückt! . . .
was es mit mir anstellt, das Meer . . .
und wie der heiße Wüstenwind
von Afrika herüber-weht, mich
streift und über mich hinwegfegt.
Und trotzdem glaube ich,
dass alles gut geht,
dass ich alles zurückbekomme
und vielleicht sogar noch
mehr . . . viel, viel Meeeeeeeeer
o du mein geliebtes . . . !
du weites, . . . du weißes Rauschen . . .

VII

Ich will noch einmal in dieses
wild tobende, aufbrausende Me—er
mich hinein stürzen
nochmal und immer wieder
da steht schon der Auf–pass–er
und kommt he-er
mit der Pfeife auf mich zu
da sinkt mir der Mut
kein Mut mehr
de—r ist mir vergangen
auf einmal
schleudert mich das Meer an-n Strand
Welle um Welle rollt an
und schleudert mich
gegen Steine.
hilflos bin ich
ausgeliefert dem Me—er
habe keine Kraft me–ehr,
stand zu halten dem Me—er.
weil d–er mich zurückpfeift,
de—r dumme Auf pass—er.

VIII

Hallo Meer, hier bin ich wieder, wie geht es dir
Du bist viel braver wie gestern, machst nicht viel her
Ich schwimme in dir wie ein Fisch herum.
Der Himmel ist blau, die Palmen-grün
Ich mag nicht mehr tote Frauen spielen
Ich muss mich bewegen und planschen
heftig mit den Beinen stampfen, so wild
wie eine rostige Schiffsschraube
da schwimmt eine Holztür vorbei
mit verrosteten Eisenscharnieren
Ich schwing‘ mich drauf und schaukle,
sanft auf ihr, hin und her nach Hause,
wie ein Fötus im Fruchtwasser
Wellen plätschern
häng‘ ich dran an ihr
und sie schlenkert mich dann
in auslaufenden Wellen
an den steinigen Strand.
Das Meer hat mir eine Tür geschenkt.

IX

Unermüdlich wirft das Meer seine Wellen an Land.

Das Meer hat die Wellen gebrochen, ob tagsüber
im Licht oder im Dunkeln bei Nacht im Mondschein
wirft das Meer unermüdlich seine Wellen an Land,
das Wasser plätschert sich aus
Ich kraule, mach‘ die Arme lang, breite mich aus
mache mich damit lächerlich oder noch mehr
mit meinem Gesang, um das Meer zu übertönen
–auch andere haben kurze Arme und kurze Beine–
„Bin ich verrückt?“, frage ich das Meer –es hört mir zu
und ich ihm—nein, du bist eine Frau, die ab und zu
nur ab und zu ins Reine kommen muss– . .und das
Meer wirft unermüdlich seine Wellen an Land, ob
tagsüber im Licht oder nachts im Dunkeln du brauchst
es nur fragen und lauschen, dann hörst du sein Munkeln

©RIKE TAI LAN

Oden an das Meer

I

Es trägt mich. Das Meer. Trotzdem muss ich aufpassen. Erst schauen und sehen, was auf mich zukommt. Dann reagieren. Auf die Wellen. Ob kleine oder große kommen. Wie groß oder wie klein sie auf mich zu kommen. Die Wellen. Dann Wenden. Rein springen. In sie hinein tauchen oder ihnen ausweichen. Also muss ich schnell reagieren. Sehr schnell. Und von Mal zu Mal anders entscheiden. Und neu. Immer wieder neue Entscheidungen treffen. Bei jeder Welle. Weil jede Welle anders ist. Jede Welle kommt neu auf dich zu. Sonst habe ich Salz im Mund. Salzwassseeeerrrrr! Es trägt mich das Meer. Ich liege darin, darin herum wie ein Stück Holz, der größten Badewanne der Welt. (Ach wie unprosaisch! Wie kann man nur das Meer mit der Badewanne vergleichen!)

II

Ich schwimme im Meer. Zeige dem Meer meine Stirn. Oh, eine große Welle nimmt mich, erfasst mich. Ich drehe mich wie ein Delphin, zweimal um mich herum. Jetzt bin ich hinüber, über die Welle gehüpft. Jetzt habe ich Salzwasser geschluckt. Wende mich, zeige der Welle den Rücken, lass mich vom Meer ans Ufer drücken und robbe mich an den steinigen Strand, dem Meer zugewandt. (Du, du, du! Du wildes Meer du!) und ich jongliere auf den Steinen, jongliere auf dem steinigen Strand meinem Platz zu und lege mich auf das Handtuch. Huch! Ich hab’s geschafft. Alles wieder im Lot.

III

Ich kämpfe mit dem Meer
Nein, nicht mehr
Ich kämpfe nicht mehr.
Ich spiele die tote Frau im Meer
und wasche mich rein
(vom Deutsch-Sein?)
Das Meer flirtet mit mir,
bin ihm so nah auf der Steinbank
es umspült mich,
wirft seinen Gischt
nur so über mich
seinen Schaum . . .
Oh, Göttin Aphrodite!

IV

Hier ist das gestrandete Schiff
das Schiff, das zerbrochen ist
hier . . . das Kunstwerk !
. . . I c h . . .
auf dem Steinpodest, das Kunstwerk
. . . ich, ja ich . . .
gestrandet hier
gescheitert mit allem
privat und beruflich!

V

Wie ist es heute, das Me –er?
Es rauscht mehr und me—hr
Ein Wind geht he—her,
ein starker Wind. . . .
Es schunkelt mich hin und he—er,
das Me—er . . . / . . .
Es treibt mich an
schiebt mich voran . . .
die Wellen werden höh—er.
Ich schwimme an der größten
A u s l ä u f—er—Welle vorbei,
die schiebt mich an Land
und spült mich an Strand,
da pfeift ei—ner und
winkt mich he—er
Ge—fähr—lich ist
heute das Me—er
„full of dan—ger“, sagt er,
der Aufpass—er
draußen an der Steinbank
bricht das Me–er
der hohen Meeres- Wellen
spritzt hoch die Gischt
in dessen weißen Schaum
ich bade wie Venus im Bade
und schreie, o Mist,
da schlägt es mich, das Meer
Au!

VI

Das Meer ist heute rot.
Ich mache die Augen zu
und sehe ein rotes Meer.
Rote Wellen rollen auf mich zu.
Es ist verrückt! . . .
was es mit mir anstellt, das Meer . . .
und wie der heiße Wüstenwind
von Afrika herüber-weht, mich
streift und über mich hinwegfegt.
Und trotzdem glaube ich,
dass alles gut geht,
dass ich alles zurückbekomme
und vielleicht sogar noch
mehr . . . viel, viel Meeeeeeeeer
o du mein geliebtes . . . !
du weites, . . . du weißes Rauschen . . .

VII

Ich will noch einmal in dieses
wild tobende, aufbrausende Me—er
mich hinein stürzen
nochmal und immer wieder
da steht schon der Auf–pass–er
und kommt he-er
mit der Pfeife auf mich zu
da sinkt mir der Mut
kein Mut mehr
de—r ist mir vergangen
auf einmal
schleudert mich das Meer an-n Strand
Welle um Welle rollt an
und schleudert mich
gegen Steine.
hilflos bin ich
ausgeliefert dem Me—er
habe keine Kraft me–ehr,
stand zu halten dem Me—er.
weil d–er mich zurückpfeift,
de—r dumme Auf pass—er.

VIII

Hallo Meer, hier bin ich wieder, wie geht es dir
Du bist viel braver wie gestern, machst nicht viel her
Ich schwimme in dir wie ein Fisch herum.
Der Himmel ist blau, die Palmen-grün
Ich mag nicht mehr tote Frauen spielen
Ich muss mich bewegen und planschen
heftig mit den Beinen stampfen, so wild
wie eine rostige Schiffsschraube
da schwimmt eine Holztür vorbei
mit verrosteten Eisenscharnieren
Ich schwing‘ mich drauf und schaukle,
sanft auf ihr, hin und her nach Hause,
wie ein Fötus im Fruchtwasser
Wellen plätschern
häng‘ ich dran an ihr
und sie schlenkert mich dann
in auslaufenden Wellen
an den steinigen Strand.
Das Meer hat mir eine Tür geschenkt.
IX

Unermüdlich wirft das Meer seine Wellen an Land.

Das Meer hat die Wellen gebrochen, ob tagsüber
im Licht oder im Dunkeln bei Nacht im Mondschein
wirft das Meer unermüdlich seine Wellen an Land,
das Wasser plätschert sich aus
Ich kraule, mach‘ die Arme lang, breite mich aus
mache mich damit lächerlich oder noch mehr
mit meinem Gesang, um das Meer zu übertönen
–auch andere haben kurze Arme und kurze Beine–
„Bin ich verrückt?“, frage ich das Meer –es hört mir zu
und ich ihm—nein, du bist eine Frau, die ab und zu
nur ab und zu ins Reine kommen muss– . .und das
Meer wirft unermüdlich seine Wellen an Land, ob
tagsüber im Licht oder nachts im Dunkeln du brauchst
es nur fragen und lauschen, dann hörst du sein Munkeln

©RIKE TAI LAN

Name der Autorin/des Autors
Friederike Langer ( RIKE TAI LAN )
Oden an das Meer