Mein Abschiedslied
No Waltz just Blues
An jenem Nachmittag wusste ich, dass ich sterben musste.
Ich lag unter zwei Büschen, ich war ein Stück fortgelaufen, und überlegte, ob ich an den Schmerzen sterben würde oder durch den Gürtel, den ich um einen Ast geschlungen hatte.

Es war der Frühsommer 1962.
Am Morgen musste mein Vater in meine Schule ( nicht, weil ich gemobbt wurde, da ich zum Schwimmunterricht eine selbst gestrickte Badehose tragen musste, sondern ich hatte einige Hausaufgaben nicht gemacht. Wo und wie das in Ruhe zu tun war, fragte keiner.)
Er kam nach Hause und verprügelte mich. Im Schlafzimmer, aufs Bett gelegt mit dem Stiel eines Kricketschlägers ( ein Spiel, das meine Schwester und ich geschenkt bekommen hatten), methodisch, ruhig, unbeeindruckt von meinem Geschrei ( Auschwitz für Kinder).
Meine Mutter musste eine Vokabelarbeit unterschreiben, es war nur eine 3. Sie nahm ein Eisenteil, das man ans Ofenrohr steckte, um Wäsche daran zu trocknen, und prügelte los, schreiend, kreischend überallhin ( ich habe eine Narbe jetzt noch ) nur nicht ins Gesicht (das hätte man sehen können), unablässlich, immer wieder.
Einmal am Tag konnte ich ertragen zweimal, da rannte ich .
Dann lag ich in diesem Gebüsch heulend vor Schmerzen, vor Erniedrigung und Todesangst.
Ich nahm den Gürtel aus Feigheit nicht, ich ging nach Hause, ich fühlte mich schuldig.

Name der Autorin/des Autors
Klaus Schatz
Mein Abschiedslied

Ein Kommentar zu „Mein Abschiedslied

  • 18. April 2021 um 18:44
    Permalink

    Sehr mutig.
    Sehr erschütternd.
    Kurz und bündig der Stil.
    Kinderschicksal.
    Ausgeliefert der Gewalt.

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