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Der blaue Skianzug

 

An einem Tag im Jänner zeigte meine Waage eine Zahl, die mir unangenehm war. Ich ging zum Kühlschrank und zog Wurst und Käse heraus. Draußen war die Welt in Watte gehüllt.

Man sprach über Zahlen und sonst nichts. Gingen sie nach oben, blieben die Menschen in ihren Häusern. Fielen sie, kamen sie wieder heraus.

Oft stand ich da und lauschte meinem Befinden nach. Ein Risiko war ich mir seit jeher selbst, nun gehörte ich mehreren Gruppen an. Auf eine davon meinte ich verächtliche Blicke zu spüren, vielleicht aber ist das auch mein Naturell.

 

Täglich ging ich eine Runde zum Dorfplatz und wieder zurück. Zehntausend Schritte hatte der Arzt mir gesagt, das erfordert einige Disziplin. Bei schlechtem Wetter lief ich mit dem Handy in Haus und Garten herum. So kam ich zumindest auf die Hälfte vom Schnitt.

An diesem Tag im Jänner war es sehr kalt. Ich wünschte mir Marcela zurück. Mit ihr war die Zeit nie so lang und so fremd. Sie hätte geplappert, gekocht und gelacht. Ich lief im Wohnzimmer auf und ab und kam dabei am Spiegel vorbei. Ein alter Mann im Pyjama mit Schmerbauch schaute mich traurig an. Er trug einen Bart mit Fuseln darin, in der Hand hatte er einen Teller mit Käse und Wurst.

 

Der Wunsch nach einer Entscheidung trat ein. Ich ging in den Keller und holte die Skier heraus. Der blaue Anzug mit wattierter Jacke war eng. Die Hose ließ Schritte zu, allerdings klein und gehemmt. Zum Glück hatte ich nur dünne Unterhosen an. Die hatte ich damals wegen Marcela gekauft. Ich hüpfte zum Auto und knöpfte im Sitzen die enge Skihose an der Seite auf. Langsam fuhr ich durch das Dorf Richtung Berg. Vereinzelt winkte mir jemand zu, wer es war, erkannte ich nicht. Am Rückspiegel baumelte die Maske, mein Maskottchen hatte ich abmontiert.

 

Am Skilift stand eine Schlange an. Es war acht, der Betrieb begann um halb neun. Der Liftwart erkannte mich gleich. „Hallo, Hias“; sagte er, „kim eini auf an Schluck.“ Ich zog meine Hose hoch und ging mit ihm mit. Nach dem Schnaps fuhr ich mit dem ersten Sessel hinauf. Die Fahrt war kurz, aber mein Kopf wurde leicht. Marcela war weg, ich würde wieder nach einer suchen, ich hatte ja Zeit. Die Piste war frei, noch hatte ich einige schöne Jahre vor mir. Beim Ausstieg stieß ich mich mit beiden Stecken ab.

 

„Juchhuuu“, rief ich und „Juchuuuuuuu“ hallte es zurück. Noch einer war da, außer mir, er stand am Rand neben einer Tanne auf der Piste. Es war offenbar eine Frau, sie trug einen roten Skianzug. Ich federte leicht in die Knie und wurde schneller. Geplant war ein eleganter Schwung, doch dazu kam es nicht. Die Hose rutschte, zum Bremsen war es zu spät, sodass ich ganz in die Hocke ging. Mir wurde kalt, aber nur hinten, am Arsch.

 

Als ich im Spital erwachte, blickte ich in ein rundes Gesicht, das eine Brille trug. „Es hätte schlimmer ausgehen können,“ sagte der Arzt. Er grinste, irgendwie unverschämt. Die Scham zog kribbelnd über mein Bein, das an einem Haken befestigt war, über den Körper zu meinem Kopf herauf. Ich erinnerte mich an meinen kalten Hintern, hochgereckt in die Luft und an das Krachen von berstendem Holz.

 

Wochen später saß ich mit Gehgips und Gipsarm auf der Terrasse der Rehabilitationsanstalt und schaute die gegenüber liegenden Berge an. „Hallo“, sagte eine Stimme. Ich drehte mich zu den Sesseln rechts neben mir. Eine Frau saß da, ihr Gipsbein auf einem Tisch abgelegt.

„Ich bin die Herta“, sagte sie. „Wie ist es dir passiert?“

 

Ich sei, antwortete ich, die Piste hinunter gefahren, die Hose habe ich an der Seite offen gehabt. Zu eng. Sie sei hinunter gerutscht, sodass mir ein Stehenbleiben nicht möglich gewesen sei, daher habe ich die Hocke eingenommen, habe aber an Geschwindigkeit zugelegt. Schließlich habe ein Baum meine Fahrt gebremst und nun sei ich hier.

 

„Und du?“, fragte ich, „wie ist es dir passiert?“

 

Sie stellte ihr Bein auf der Fußstütze ihres Rollstuhls ab. Die Sonne verschwand hinter den Bergen gegenüber, plötzlich wurde es kalt.

 

„Ich bin die neben der Tanne, in Rot“, sagte sie. Ich habe zu ihr hingeschaut, sei dann in die Hocke gegangen, und sie habe gelacht. Da seien ihre Skier losgefahren, doch habe sie ihre Stecken nicht gehabt. Sie sei neben mir in den Baum gekracht.

 

Wir haben Glück gehabt, sagte sie.

Ein Freund von ihr sei gestorben und der habe gar nichts gemacht, nur ein Glas an der Bar.

Tot ist tot.

Name der Autorin/des Autors
Gabriele Müller
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