Ausnahmezustand

Ich erschlage einen Weberknecht und bekämpfe eine Wespe mit Insektenspray. So beginnen miese Tage. Ich mag keine Kerbtiere. Vom Koks bin ich weg. Das war nur eine Episode. Mit eisernem Willen kann ein vernünftiger Mensch jede Lebenssituation meistern.
Ich bin Sozialarbeiter und befasse mich mit dem Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft. Deshalb habe ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Ich habe mich auf Grund meiner Ausbildung als Sozialassistent, wobei ich einen tiefen wissenschaftlichen Blick in die Soziologie werfen durfte, zu Objektivität, Neutralität und wissenschaftlicher Unabhängigkeit verpflichtet. Manchmal staune ich über mich selbst. So fit wie ich bin. Mein Körper ist makellos, kein Gramm Fett zu viel. Wenn ich einen festen Job habe, werde ich auch auf die Apanage meiner Eltern verzichten.
Seit ein paar Wochen kümmere ich mich auf Honorarbasis um Langzeitarbeitslose. Das ist eine wichtige Aufgabe in einem hochsensiblen Bereich. Etwas für Könner. Ich bin fit und kann ihnen zeigen, was sie erreichen können. Man muss sich in Form bringen, habe ich den Langzeitarbeitslos*innen gesagt. Man muss nur wollen, dann kann man alles erreichen. Ich werde später einmal promovieren. Ich trage Anzüge und mein Haar liegt perfekt. Unterhalb des Kopfes gibt es kein Härchen an mir. Ich stehe zu mir, ich bin schön. Auch mein Lachen habe ich vorm Spiegel optimiert. Es strahlt Glück und Erfolg aus. Das soll mir erst einmal einer nachmachen.
Seit Wochen veranschauliche ich diesen Losern, was keinesfalls abwertend gemeint ist, wie es geht im Leben. Das ist mein Job. Ich bin gerecht. Sie müssen erst einmal klein anfangen. Und gebückt. Bei mir lernten sie, wie mühsam Feldarbeit ist. Zum Beispiel das Erdbeeren-Pflücken. Kleine Steine hatte ich verstreut, die mussten sie in Bechern sammeln. Oder ich spiele mit ihnen Kaufmannsladen. Das ist wichtig fürs Leben. Bei mir gab es nur Bio-Waren. Und sie lernten: Wer wenig frisst, hat am Monatsende noch Mittel. Leider scheint ihre Aufnahmefähigkeit begrenzt. Viele ihrer Fragen sind zu unsinnig für eine Antwort. Das habe ich auch mit pädagogischer Verve klargestellt.
Und jetzt das Virus mit dieser partiellen Quarantäne und dem Verlust der Lebensqualität durch tiefgehende Einschränkungen, um die Sicherheit von Menschen zu gewährleisten. Nur wegen der Alten. Das sind ja die, die sterben würden. Aber gut, ich schränke mich ein, ich bin dazu bereit. Ich tue es für die Gesellschaft. Als wertvolles Mitglied will ich keinerlei Schuld tragen. Hoffentlich wird das auch mal honoriert.
Es ist übel, dass die Fitnessstudios geschlossen wurden. Das sind wichtige Institutionen für gesellschaftlich relevante Gruppen. Doch ich weiß mir in jeder Lebenssituation zu helfen. Streife mir meine Markenlaufbekleidung über. Die sitzt tadellos. Ich setze meine FFP2-Maske auf. Im Spiegel prüfe ich den Sitz der Maske, den der Haare. Kurz erfreue ich mich an meiner Erscheinung, sehe in meine wachen Augen. Ich bin bereit für das Draußen. Voller Elan tänzle ich die Treppen zur Haustür hinunter. Mache auf dem Gehweg erste Stretchübungen, verfalle dann in einen leichten Trab. Und ein paar Minuten später dies: Ich will diesen alten Leuten eigentlich gar nicht begegnen. Aber jetzt versperren sie mir meine Laufwege. Es scheint heute wieder Rentner-Corona-Party zu sein. Im alten Stadtpark tummeln sie sich in ihren grauen oder beigen Jacken. Sie stehen eng beieinander, lachen, tratschen, husten, niesen. Sie verhöhnen die Maskenpflicht und blicken mich hinterlistig an. Ich versuche auf den engen Wegen hindurch zu joggen. Dabei sehe ich ihre bösen Blicke. Ein alter Mann sieht mich, macht einen Schritt, um mir den Weg zu versperren. Eine Grauhaarige tut es ihm nach. Das wird ihnen noch leidtun.
Ich gebe meine moralische Überlegenheit mit einem nonverbalen Wutschrei bekannt.
Der Alte zuckt zusammen.
„Bist du dumm“, schnauzt die Grauhaarige.
Sie achtet kein Abstandsgebot, riskiert eine tödliche Lungenkrankheit. Wegen solcher Leute muss ich mein Leben einschränken, bin ich eingeschlossen. Ich sollte diese mausgrauen Alten anbrüllen. Überall in der Stadt sind sie zuhauf, in Rudeln. Sie ignorieren alle Regeln. Und wegen denen dürfen die Kinder nicht in die Schule. Warum sterben sie nicht einfach. Sie haben doch sowieso keinen Mehrwert.
Mir kommt das Kotzen, wenn ich die Generation Heftpflaster sehe. Wie sagte ein Freund von mir: Zu alt, um noch etwas lernen zu wollen. Und zu störrisch, um zu sterben.
Er hat wohl recht. Da brauche ich nicht mal Corona, um das zu begreifen. Diese Alten, das sind doch auch die, die die AfD wählen, die an den Supermarktkassen so lange brauchen und zu wenig auf ihr Äußeres achten. Dabei sind Menschen wie ich es, die sie ertragen müssen.
Wieder daheim schreibe ich einen wütenden Post bei Facebook. Ein Shitstorm bricht los. Damit hatte ich gerechnet. Schmunzelnd lese ich ihre Ausfälligkeiten. Die wichtigsten Gegner notiere ich. Dann schreibe ich, dass diese Wichser nicht vergessen sind. Wenn die Zeiten sich ändern, werden wir sie finden. Die meisten Hater sind älteren Semesters. Wie draußen auf den Straßen. Ich werde keinen vergessen.
Da gibt es diese Gretchen K. in der Stadt. Die gibt nicht zu, eine Umweltsau zu sein. Dabei ist sie Umweltsau und Nazischlampe in Personalunion. Sie ist fast hundert, das passt.
Schlimmer sind nur die alten weißen Männer. Die Wurstfresser. Schon dieselbe Luft zu atmen wie sie, ist eine Zumutung. Hoffentlich sterben sie und ihre Bratwurstkultur bald aus.
Mit meinen Arbeitslosen mache ich jetzt häufiger Online-Training. Sie sollen gewinnen lernen. Dafür verwende ich Kinderspiele wie Cave Blast oder Bunny Goes Boom. Aber nicht einmal damit kommen sie zurecht. Wie sollen die nur weiterkommen? In unseren Skype-Sitzungen sage ich ihnen meine Meinung. Die müssen doch nur an sich glauben. An sich arbeiten. Aber die wollen ja gar nicht. Haben immer andere Ausreden. Sie hätten Kinder, müssten sich kümmern, sie hätten keine Zeit und kein Geld. Warum haben sie sich dann Kinder angeschafft? Ich sage ihnen, dass ihr Gejammere bei mir nicht wirkt. Ihre irrelevanten Einwürfe unterbreche ich, indem ich meinen Laptop zuklappe.
Die schaffen mich. Echt. Jetzt muss ich erst einmal in den Drogeriemarkt. Meine Nachtpflegecreme geht dem Ende zu, ebenso das Haargel.
Ich ziehe meine lockere dunkle Hose und ein neues Shirt an, was meinen definierten Oberkörper betont.
An der Straßenbahnhaltestelle herrscht Betrieb. Und zwei ohne Maske stehen da, halten sie ignorant in den Händen. Ich beschließe, zu Fuß zu gehen. Gekonnt weiche ich mir zu nahe kommenden Menschen aus und bestrafe sie mit einem Vorwurf aus meinen blaugrauen stechenden Augen.
An den Ein- und Ausgängen des Drogeriemarktes gibt es Desinfektionsspray, überall Abstandsmarkierungen auf dem Boden, neue Schutzwände an den Kassen und eine erklärende Beschilderung. Aber eine alte Schachtel, die nur noch zu faul zum Umfallen ist, stellt sich in der Schlange direkt hinter mich.
„Bitte halten sie Abstand“, sage ich. „Es geht ja schließlich um Ihr Leben.“
Sie lächelt und meint, das mit dem Virus sei alles nur erfunden. Außerdem habe sie keine Angst vorm Sterben.
„Ich schon!“, stelle ich klar.
Diese Vettel schüttelt ihren grauen Kopf. Wenn ich einen Elektroschocker hätte … Hoffentlich geht ihr bald die Luft aus, dieser gewissenlosen Egoistin.
Am Ausgang desinfiziere ich noch einmal meine Hände. Besprühe auch die gekauften Pflegeprodukte und wische sie mit den daliegenden Papiertüchern ab. Die Alte von gerade eben wackelt an mir vorbei. Mein Körper juckt vor Ekel. Ich bekomme ungeheure Lust auf eine Line. Bis zum Bahnhof ist es eine gute Stunde per pedes. Das muss ich mir nicht antun. Ich nehme die Bahn.
Aber mein Schneemann ist verschwunden. Mir geht’s nicht gut. Was mache ich jetzt? Alkohol ist keine Lösung, das weiß ich. Nichtsdestotrotz werde ich mir am Abend ein paar Schlucke gönnen. Vielleicht Whisky. Einen Glendronach. Der hat ein seidiges Aroma und ich mag diese nussige Note im Nachklang.
Abends sitze ich mit einem Glas in meinem Massagesessel und reflektiere über meine Leistungen des Tages. Die Bose Lautsprecher machen Vivaldis Violinkonzerte zu einem Genuss. Die CD von Britney werde ich nach dem dritten Glas einlegen. Sie gibt mir nach der Kontemplation die Power zurück.
Ich schenke mir nach, jetzt klingelt das Smartphone. Es ist mein jammernder Exfreund. Ich mag ihn nicht mehr, das habe ich ihm schon gesagt. Ich beende das Gespräch rasch wieder. Auf den Plattformen gibt es auch nichts Neues. Einige haben meinen klugen Ausführungen widersprochen. Arschlöcher.
Ich gehe zum Spiegel, um meine Laune zu heben.

Name der Autorin/des Autors
Ulf Großmann
Ausnahmezustand

10 Kommentare zu „Ausnahmezustand

    • 20. April 2021 um 8:09
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      Sehr schöne Geschichte 👍

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  • 19. April 2021 um 22:38
    Permalink

    Ein sehr interessantes Stück das hie verfasst wurde, so viel Einzelheit und Zustände.

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  • 19. April 2021 um 23:18
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    Ganz mein Geschmack, jetzt hab ich Lust auf mehr davon

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  • 20. April 2021 um 8:10
    Permalink

    Sehr schöne Geschichte 👍

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  • 21. April 2021 um 20:01
    Permalink

    Sehr zugespitzt, bitterkomische Geschichte über Schein und Sein, Ansprüche und Wirklichkeit in einer Gesellschaft, wo sich zunehmend jeder selbst der Nächste ist.

    Hoffe ich begegne nie solchen Exemplaren von „Sozialarbeitern“ !

    Egomane, Narzisst wäre wohl treffender.

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  • 24. April 2021 um 14:10
    Permalink

    Wenn die Geschichte ironisch gemeint wäre, dann wäre sie gelungen. Leider ist in keinem Satz Ironie für den Leser erkennbar und damit unverständlich, was der Autor mit dem Eigenlob, das literarisch keine Geschichte ist, eigentlich erreichen wollte.

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