Die Parfümflasche

Die Parfümflasche

Rose Zaddach

Paula und KA sind im Urlaub angekommen. Es ist herrliches Wetter.
Sie wohnen in einem Hotel mit Blick auf die Alpenkette.
Das Haus liegt in ei­nem weiten Tal.
Sie wollen dort viele Spaziergänge am Bergbach und an den Wildwassern entlang machen. Es gibt im Tal wenig Steigung. Das Rauschen des Wassers ist wie Musik.

Sie werden auch ihre Füße nach langen Wanderungen in den Bergbächen abkühlen und dann erfrischt weitergehen. Sie werden aus Gebirgsbrunnen am Wegrand trinken und später auf der Alm Butter­milch oder auch ein kühles Bier. Sie werden Käse essen. Am Abend dann frisch geduscht und entspannt an der Bar einen „Hugo“ schlürfen oder ei­nen „Campari Orange“ oder einen „Aperol Spritz“ mit viel Eis.

Paula besprühte sich mit ihrem Lieblingsduft.
Nur ein zweimal stäuben.
Fertig. Riecht gut.
Schwitzen von der Wanderung ist vergessen.

KA hatte ein Herrenparfum von einem bekannten Hersteller.
Kleine, schiefe Glasflasche mit Zerstäuber, nicht billig. Aber sein Markenzeichen. Er suchte die Flasche, bevor es zum Abendessen ging.
Doch sie lag in Scherben im leeren Abfalleiner im Bad. Ohne Nachricht. Ohne einen Notiz auf der Spiegelablage.
Oder auf dem Notizblock des Hotels, immer zu diesem Zweck auf dem Schreibpult platziert.

War sonst eher Naturbursche, der KA. Mit Hunden in den Wald gehen. Garten umgraben, Dachstuhl ausbauen, alte Automotoren reparie­ren, das war sein Metier.
Aber am Morgen oder am Abend nach dem Duschen, mochte er den Duft. Schade. Jetzt ist er futsch. Das Parfum, das Paula ihm geschenkt hatte, ist verflogen. Der Duft ist hin.
Paula sagte, das muss das Hotel erstatten.

Die sind doch versichert.
KA sagte: Glaub‘ ich nicht. Lass es gut sein.
Das ist einem der jungen Zimmermädchen passiert. Es hatte Angst. Du weißt nicht, wie solch ein großes Hotel organisiert ist. Da gibt es auch viel Ausbeutung.

Paula glaubte KA nicht. Vier-Sterne-Hotel! Viereinhalb!
Sie erkundigte sich etwas verärgert bei dem Zimmerpersonal.
Man werde sich kümmern. Man entschuldigte sich.
Schickt nach geraumer Zeit eine junge, zierliche Rothaarige zwecks Schadens Bereinigung.

KA ist gerade unterwegs. Was soll Paula tun?
Einfach die zerbrochene Flasche in den Abfall werfen, das geht doch nicht! Paula verlangt erstmals in ihrem Leben kleinlich ihr Recht und liegt prompt daneben, wie sich bald zeigen sollte.

Sie verlangt von dem Zimmermädchen, dass der Schaden erstattet wird. Sie beruft sich auf die Versicherung.
Gäbe es nicht! Paula glaubt dies nicht.
Sie ist verärgert und streng.
Sie bittet, ein neues Parfum zu besorgen.
Die Flasche war neu und nicht benutzt.

Am nächsten Morgen ist exakt die gleiche Parfumflasche da.
Aber die junge, zarte Rothaarige ist verschwunden.
Sie kommt nicht mehr. Sie ist krank.
Jetzt wird Paula unruhig.
Beklemmung.
War sie ungerecht?
Hatte sie zu viel verlangt?

Sie erkundigt sich nach der Situation beim Hotelpersonal.
Ihre Fragen sind dort unangenehm. Man windet sich.
Schließlich doch eine Antwort: eine Versicherung gibt es nicht für Schä­den des Personals.
Die Angestellten haften selbst.

Bei 3.95 Euro Stundenlohn.
Es hatte eine Weile gedauert, bis KA das in Erfahrung brachte.

Die junge Rothaarige sehen sie nicht mehr wieder. Verständlich!
Ist alleinerziehende Mutter. Muss mindestens fünfzehn Stunden arbeiten, um das Parfüm zu bezahlen.

Paula ist beschämt. „Schaf“, sagt Ka.
Sie war naiv. Ist sie öfter.
Was nun?

Paula nimmt einen Umschlag.
Steckt das Geld für das Parfüm rein.
Schreibt einige freundliche Zeilen.
Verschließt den Umschlag und übergibt ihn der sogenannten Hausdame für das persönliche Schließfach des verschollenen Zimmermädchens.
Ob er angekommen ist?
Paula hat keine Zeit mehr, dies zu überprüfen.
Sie hat noch Post zu erledigen und Koffer zu packen.
Morgen geht‘s nach Hause.

KA tut es und sagt, die Hausdame habe auf Wunsch den Umschlag noch am selben Tag dem Zimmermädchen zugeschickt. Er läge bei der ausge­henden Post an der Rezeption. KA hat auch dies überprüft. Die Post wird morgen ankommen.

Hoffentlich, sagt Paula.
Das Leben fordert Gerechtigkeit.
Und bei einem solchen Stundenlohn kann man gar nichts verlangen.
Noch nicht mal eine Entschuldigung.
Nicht mal eine Antwort.
Da ist eine Grenze sichtbar überschritten.  
Dies vergisst Paula nie.
Auch nicht beim neuen Mindestlohn-Tarif.
Es ist immer noch für Viele zu wenig und für Einige zu viel.
Der Lohn.

 

Ein Auszug aus dem Episoden Roman „Das Leben ist ein tiefer Fluss“
Engelsdorfer-Verlag 2016 / Rose Zaddach

Name der Autorin/des Autors
Rose Zaddach
Die Parfümflasche

Ein Kommentar zu „Die Parfümflasche

  • 2. Juli 2020 um 17:42
    Permalink

    Das ist eine kurze, knackig erzählte Geschichte, die den Nerv der Zeit auf den Punkt trifft.
    Großartig, so ohne literarischen Schnickschnack!

    Christine Hoffmann

    Antworten

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