Europa quo vadis?

Europa quo vadis?
Ein(e)Reise durch ein Jahr

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ANKUNFT

Fron-Tex-t-Message
Europa bauen – Fundamente der Akropolis
Sie ruhen in Poseidons Reich.
Tiefseegräben ohne Brücke, der Dreizack
Scheidet arm und reich.

Ode an die Wanderer

Langst du an die Gestade Lampedusas, ›verkündige dorten,
du habest uns untergeh’n gesehn,
wie das Gesetz es befahl.‹

Lampedusa – Schoß der Medusa,
Südliche Fels-Speer-Spitze:
Scylla und Charybdis entronnen,
Herzen zu Stein geronnen.
Europäischer Gesinnung
Ins Schlangenantlitz blinzeln.

INTEGRATION

Pandora reitet weiter auf dem Widder der Helle

Déclaration des Droits de l’Homme:

Rationierte Rationalität rät an:
›die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.‹

Une beauté affreuse: der Mariannes Gesicht versöhnt
Mit dem Schrecken des zweiten Satzes:
›Soziale Unterschiede dürfen nur im gemeinen Nutzen begründet sein.‹
Odysseus mittlerweile angelandet
Lauscht der Sirenenarie des Misanthropenchors.

Im Land wo die Zitronen blüh’n

Wenn Helios’ Glut im Zenit
Der Wind in Kiefern rauscht
Zum Refrain aus Möwenklagen
Flüstert der Schmetterlinge Chor
Der Italia turrita vom Zaun der Brandung,
Vom getrunkenen Blau aus Himmelsgezeiten,
Zu opfern unser Ebenbild in Telefonaten
Am Altar des Pan.

Rule the waves: Sein oder Lassen?

Hurley-burly schnell gedacht, rumgewälzt nicht g’rade sacht
Britannia dem Börsen-Stiere folgt,
Merkur führt voran, zum BrexMex ziellos fix
Agenors Tochter hofft vergeblich mit vorwurfsvollem Blick.
Unionieren? So wird das nix.
Caledonia einsam schweigt, in Schönheit
Eines Freiers harrt.

›Land der Tatenlosigkeit‹:

Es ist unser Geist, der stets verneint,
Halb sinkt er hin, halb zieh’n wir ihn.
Germania träumt die Geister, die sie rief
Wird’ nichts los, anstatt sie schlief!
Da liegt sie nun, ein Tor, schlaflos wie zuvor.

Lanzenstechen

Panzas Mahnungen zum Trotz
Don Q. den Separatismus losgezockt.
Mühlenflügel-Karusell rotiert in Brüssel:
Ein Europa der Regionen? Verdient Hispania den Rüffel?

Pandoras Räuspern übertönt
Die Ode an die Wanderer, die große Schar:
3 Millionen Kinder totgehungert, jedes Jahr,
Merkur führt zu Hades gar;
Vorbei an Trojas Banken, Berufs-Hopliten Spielzeug höhnt:
200 Milliarden €, jedes Jahr.

AUSKLINKEN?

Aus(sen-/Rum-)reisen:
Das Schwert des Damokles
Hellas als seid’nen Faden wohl entpuppt:
Als Husten der Pandora.

Letzte Flüge, Inbound

Reihen sternengleich Super Novae
Ans Flugzeug-Firmament.
Pressen Heimkehrer-Urlauber aus dem Gedärm,
Eilen zum Kamel: gelb ruht die Smoking-Lounge,
Nebelt Nachtrauch in die Abflughalle.

Home-Office

Keine Telefongeräusche der Kollegen
Vor mir ein Fenster, nasse Straßen
Infrastruktur aus Beton – im Herz
Gefühlsspinner weben Friedhofsschweigen.

Ungewohnte Kleidung anzupassen:
Birkenstock mit Fußbettschmerzen
Evolutionsselektion für Wundgesessene
Jogginghosen-Furunkel.

Brandet Bildschirmflackern ans Ufer
Eines Netzhaut-Daseins,
Spülen Wellen an Sedimente aus Verlassenheit.
Stete Dünung höhlt des Hiobs Wort,
Social Media platt-formen Menschen(t)räume.

Laufstegnarzissen wurzeln auf
Bühnenbrettern – gedüngt mit Selbstkonsum,
Lacoons Bastion warnt vor Fake-News.
Kassandras Winseln verhallt zur

Morphogenese

Mediengesang sirenenblubbert Echoblasen
Die aufsteigen, zerplatzen
In Oberflächenspannung, Kreise ziehen
Auf Seen aus Placebowahrheiten.

Autoimmunangst schürt Blutkumpanei
Fremdenhass auf RNA darreicht einen
RAF Mohnblumenstrauß zur Spaltung.
Blinde Diskursarmut schaufelt
Gerechtigkeitsgräber auf Gottesäckern
Für den Dialog.

Quo vadis EUROPA?

Stiere über Regenbogenbrücken! Auroras Regenbogen ankert in neuer Zeit!

Gedenken wir der Enkel
Der Generationen X-Y-Z,
Die bezahlen werden,
Ohne friedvoll Aufbegehren.
Mehr Ästhetik anstatt Widerstand – wie?
Bäume setzen, Zug fahren – statt SUV.

Kein Navigationssystem im Kopf
Schwarzfahrer Vorurteil bleibt unerkannt.
Die Endstation liegt
Um die Ecke des Bankenviertels, gegenüber des Kinderhorts,
Geöffnet – als Wirtschaftsfaktor, nicht zum Kinderglück;
Haltestelle Umwelt ausgespart, Überbevölkerung in Depots gerückt.
So stecken uns die Neoliberalen zu
Ihren Gewinnfahrplan, den Dolch des Kapitals.

Einsam funkelt der Griff in Rot,
Verführerisch prangt das Verbot.
Letzte Ausfahrt, letzter Halt,
Die Notbremse, sie harret unser: bald!

Noch lauscht Europa
Den Klopfzeichen der Brandung:
Flaschenpost aus Plastikmüll.
Poseidons Raub
Verwirrt uns Kinder der Unendlichkeit,
Stets flehend – und noch taub.

Lasst uns hören schrilles Kreischen,
Das Jaulen der gezogen’en Bremse:
Auf dass Börsenstiere schleppen
Karren voller Bären: Leerkonsum statt Leerverkäufe,
Über Regenbögen ins Land jenseits des Gewinns.

Name der Autorin/des Autors
Simon Gerhol
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Einverständnis
einverstanden
Europa quo vadis?

12 Kommentare zu „Europa quo vadis?

  • 15. Mai 2021 um 11:41
    Permalink

    Danke Simon
    Es war ein Genuss für mich das zu lesen.
    Grossartig.

    Antworten
  • 17. Mai 2021 um 20:29
    Permalink

    In Versreim leise Ausrufezeichen ganz laut….
    Vehement und sehr ästhetisch liest sich Dein Weckruf, Dein Fingerzeig lieber Simon!
    Davon braucht es dringend mehr…..
    Wunderbar.

    Antworten
    • 25. Mai 2021 um 7:58
      Permalink

      Vielen Dank für das Lob. Hoffen wir gemeinsam, dass jemand rechtzeitig zu bremsen anfängt und tun unser Möglichstes.

      Antworten
  • 21. Mai 2021 um 23:31
    Permalink

    Grossartig, die Antike verlinkt mit der Moderne, und nicht wirklich etwas Neues unter der Sonne.
    Chapeau !

    Antworten
  • 22. Mai 2021 um 14:56
    Permalink

    Es gibt viel zum Nachdenken bei Deinen Texten, lieber Simon,
    von der Akropolis bis in unsere heutige Zeit. Gruss an Dich.

    Antworten
  • 24. Mai 2021 um 14:35
    Permalink

    Hallo,
    bin zufällig hier vorbei gekommen und sehr positiv überrascht. In der aktuellen Zeit eine willkommene Abwechslung. Weiter so 🙂

    Antworten
  • 24. Mai 2021 um 17:09
    Permalink

    Viel hintergründiger Denkstoff. Genial kreativ formuliert und treffsicher verquirlt. Eine ästhetische Pessimismus-Horror-Ode. Leider nur eine Zustandsbeschreibung. Wo ist das Licht am Ende des Tunnels ?

    Antworten
    • 25. Mai 2021 um 8:01
      Permalink

      Das Licht am Ende des Tunnels ist ja eben die Notbremse und auf dass sie von der neuen Generation jemand betätigen möge, daher der Appell: Fridays for Future, extinction rebellion und aktuelle Umfragewerte zeigen, dass sich das Bewusstsein langsam ändert. Bleibt zu hoffen, schnell genug.

      Antworten
  • 26. Mai 2021 um 15:24
    Permalink

    „Mediengesang sirenenblubbert Echoblasen“ – sehr schön“! Und aktuell.

    Antworten

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