Der schwarze Schreibmagier zapft Energie ab

Nico schaute auf den Bildschirm und lächelte. Dass er über sein Handy beobachtet wurde und dass dieser jemand sich über sein dämliches Grinsen lustig machte, wusste er nicht. Eine Freundschaftsanfrage, vom schwarzen Schreibmagier. Das schien wohl interessant zu sein. Neugierig klickte er auf den Namen. Wieder einer mehr, um seine 2000 Freunde voll zu machen. Viel fehlte nun nicht mehr. Er hatte sich auch wirklich Mühe gemacht mit dem Profil. Und jeden Tag mindestens drei Posts. Er würde es allen zeigen. Sie würden ihn bewundern und sich darum reißen, ihn als Freund zu haben.

Der schwarze Schreibmagier hatte bereits mehr als 10.000 Freunde. Nico war total beeindruckt. Was war das wohl für einer? Kein Foto. Nur ein Comicbild von einem ziemlich coolen Superhelden mit schwarz wehendem Umhang und fiesem Grinsen. Der 15-jährige klickte auf Annehmen und begann zu lesen. Seine Augen erfassten die Buchstaben. Doch als sie in seinem Gehirn ankamen, geschah es. Die Vernetzungen der Nervenbahnen trennten sich und verknüpften sich mit dem Stresszentrum. Plötzlich explodierte etwas in seinem Kopf und er fühlte ein kurzes Stechen ganz oben am Scheitel. Sein Gehirn mobilisierte all seine Energiereserven. Sein Blutdruck stieg. Und das Herz pochte ihm bis zum Hals. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Währenddessen blieb sein Blick wie gebannt auf den Worten des schwarzen Schreibmagiers hängen und er saugte sie in sich ein.

Und hätte er Energie sehen können, dann wüsste er, dass die Buchstaben ihm eine ganze Menge seiner Energie entzogen. Genauso schnell, wie es gekommen war, ließ der Stress wieder nach und wohlige Müdigkeit hüllte ihn ein. Er fühlte sich, wie nach einem langen Wettkampf, den er gewonnen hatte. Kurz schloss der Junge die Augen und sah sich umringt von seinen Fans und Freunden. Sie klatschten ihm zu, lobten ihn und jubelten. Dann hoben sie ihn in die Höhe und warfen ihn in die Luft. Er drehte sich immer schneller und es wurde heller.

Angenehmes Kribbeln vitalisierte seinen ganzen Körper. Als er wieder am Boden ankam, aufgefangen von den vielen Händen seiner Freunde, glaubte er fest daran, der schönste und glücklichste junge Mann weit und breit zu sein. Sicherlich würde Eileen nun an seiner Seite stehen wollen. Er sah sie schon, wie sie auf ihn zu kam und ihn umarmte. Und er spürte ihren zarten Kuss auf seinen Lippen prickeln. Sein Herz öffnete sich weit und er fühlte sich so geliebt, wie noch nie in seinem Leben…

Als er die Augen wieder aufschlug, waren nur wenige Minuten vergangen. Doch aus Nico war ein anderer Mensch geworden. Er fühlte sich nun geliebt und stark. Doch noch viel wichtiger: er wusste, er konnte alles schaffen. Und dass er sich etwas müde fühlte, merkte er nicht. Er würde nachher weiterlesen, was der schwarze Schreibmagier noch alles Tolles geschrieben hatte. Das, was er bisher gefunden hatte, traf seinen Nerv. Dieser irre Typ verstand es, ihn in den Bann zu ziehen und zu begeistern. Nico wollte mehr.

Der Jugendliche checkte noch kurz seine Nachrichten, während seine Gedanken weiter um seine neue Identität kreisten. Er freute sich, etwas Musik zu hören und davon zu träumen, wie sein Leben ab jetzt sein würde. Er fühlte sich großartig.

***

Der Magier, der ihn durch die Kamera beobachtete, bemerkte die stumpfen, leeren Augen, mit denen Nico auf den Bildschirm schaute. Sie sprachen nicht die gleiche Sprache, wie die Gefühle des Jungen. Die Verbindung zu ihm stand und war stabil. Jedes Mal, wenn Nico die Worte des Magiers lesen würde, würde automatisch neue Energie abgezapft und im riesigen schwarzen Stein gespeichert. Der Magier hielt einen gleich aussehenden kleinen Stein an den großen und lud ihn auf. Dann hängte er ihn sich um den Hals und nickte zufrieden. Ewiges Leben und dauerhafte Jugend waren ihm nun gewiss.

Nun musste er noch schauen, ob sich die Menschen über die Verbindung auch steuern ließen. Grinsend schloss er das Fenster, mit dem er Nico beobachtet hatte und wendete sich seinem wichtigsten Opfer zu: dem Präsidenten von Amerika. Mit ihm hatte er noch Großes vor. Ob er ihn auch so einfach an sich binden konnte, wie eben den Jungen? So eitel und machtgierig wie der Präsident war, sollte dies wohl ein Leichtes sein.

 

Name der Autorin/des Autors
Silke Geßlein
Der schwarze Schreibmagier zapft Energie ab

Ein Kommentar zu „Der schwarze Schreibmagier zapft Energie ab

  • 26. Juni 2020 um 18:35
    Permalink

    Hallo liebe Silke,
    Deine Geschichte ist sehr schön. Und erinnert mich daran wie wichtig es doch wirklich ist, daß man seinen Kindern genug Liebe und ein gutes MindSet mit auf den Weg geben sollte. Ich war bildlich direkt in der Geschichte. Du hast schön geschrieben. Vielleicht hättest Du es noch spannender machen können? Auch die Überschrift noch spannender? Damit man richtig aufgeregt ist? Die Idee mit dem Präsident ist super :). Ich würde mich freuen mehr von Dir hören. Vielen Dank für Deine Geschichte.

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