Das Mädchen mit dem gelben Kopftuch

Das Mädchen mit dem gelben Kopftuch

Ich bin eine Alt-68erin, wie es so schön heißt. Mit meinen Kleinkindern habe ich in einer Studentenwohngemeinschaft gelebt, in verschiedenen Bürgerinitiativen ehrenamtlich gearbeitet, an der Menschenkette gegen den NATO-Doppelbeschluss teilgenommen. Und ich habe mich in der Frauenbewegung aktiv für Frauenrechte eingesetzt. Neugierig bin ich und will es bis zum letzten Atemzug bleiben.

Heute ist ein gleißend heller Frühsommertag. Hitze macht sich breit. Meine Farbenlust steuert den Griff in den Schrank. Leuchtend hell-amethystfarbene enge Jeans und ein neonlilafarbenes T-Shirt werden der Hit des Tages sein. Zögerlich und dann doch entschieden, lasse ich den luftig-gelben Schal in der Schublade. Mein großer Spiegel meint noch: „Hey Alte, mit deinen Silberhaaren bist du echt ein Knaller!“
Dann wird mein Herz weit und weich. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit meiner Tochter Aurelie in ihrem künstlerischen Zuhause. Ihre kleinen, naturschönen Gärten, eher eine Art von Mini-Dschungel, bergen geheimnisvolle, bizarre Skulpturen aus Ton, die sie gestaltet hat.

In der U-Bahn auf dem Weg dorthin, wie üblich, wieder nur Stehplätze in den Gängen. Einige Fenster sind gekippt und die Zugluft tut meinem Nacken nicht gut. Ich hätte doch den gelben Schal umlegen sollen. Augenblicklich sehe ich einige Bänke vor mir Gelb. Das Gelb entpuppt sich als ein Tuch, eng um den Kopf eines kleinen Mädchens gewickelt. Sie ist schätzungsweise vier Jahre jung, blass und trägt eine viel zu große Brille mit enorm dicken Gläsern. Neben ihr sitzt, in einem schwarzen Mantel und dunkler Kopfverhüllung, ihre Mutter, ganz offensichtlich eine Muslima,. Die junge Frau ist schmal und ebenfalls blass. Sie hat ein ebenmäßiges hübsches Gesicht, ist dezent geschminkt. Auf ihrem Schoß sitzt ein kleiner Junge.

Aus meiner Mitte kriecht plötzlich ein unangenehmes Gefühl nach oben. Wieso? Was geschieht hier? Warum ist dieses kleine Mädchen durch die Verhüllung bereits jetzt so eingeschränkt in seinem Bewegungsdrang und das bei gefühlten dreißig Grad? Dann sehe ich den Vater. Er steht im Ausgangsbereich hinter seiner Frau, neben ihm ein Kinderwagen mit Baby, offensichtlich ein weiteres Kind. Er bewacht und beschützt seine Familie, so jedenfalls deute ich die familiäre Aufstellung.

Soll ich den U-Bahn-Ausgang hinter mir nehmen? Zunächst einige Schritte durch die Menschenenge dorthin. Dann Kehrtwende nach vorne auf die muslimische Familie zu. Reine Bauchentscheidung! Wenn es um die Missachtung von Kinderrechten geht, kenne ich kein Pardon. Ich will mein Unverständnis, meine Empörung nicht herunterschlucken. Nahe dem vorderen Ausstieg bleibe ich neben der Mutter stehen, deute auf die Kleine, zeige mein Nein zur Verhüllung der Tochter: „Das ist zu früh für das Mädchen.“ Sie versteht mich scheinbar nicht, zeigt keinerlei Reaktion. Ich unterstelle, sie darf oder will nicht reagieren. Die Kleine neben ihr durchdringt mich mit erstauntem Blick. Dann drehe ich mich zum Vater hin, stehe dicht vor ihm und schaue ihm in die Augen: „Warum muss ihre Tochter das Kopftuch tragen? Sie ist doch noch so jung!“
Sein kalter Blick richtet sich in die Ferne. Er antwortet ohne erkennbaren Akzent und so routiniert, als hätte er diesen Satz schon oft ausgesprochen: „Das ist unsere Religion, unsere Kultur. Sie müssen das respektieren und akzeptieren.“ „Nein“, sage ich, „ich akzeptiere und ich respektiere das nicht, es geht hier um Kinderrechte.“ Wahrscheinlich kann er mit dem Begriff Kinderrechte nichts anfangen: Er wiederholt stereotyp seine Forderung, ich wiederhole meine Nichtakzeptanz. Provoziert, verärgert und politisch absolut nicht korrekt setze ich nach: „Dann gehen Sie doch zurück in Ihr Land.“ Fast gleichzeitig denke ich: Was soll das? Diese Äußerung ist absolut unangebracht.
Ich habe keine Ahnung, aus welchem islamisch geprägten Land diese Familie stammt. Aus der Türkei? Aus Ägypten? Sind sie aus dem vom Krieg heimgesuchten Syrien geflohen? Oder handelt es sich um Menschen, die hier einfach nur arbeiten wollen?
Eine Frau, die mitgehört hat, den etwa elfjährigen Sohn an der Hand, reagiert lautstark auf meine unpassende Äußerung und bezeichnet mich als „ausländerfeindlich“. Nein, das bin ich nicht oder etwa doch? Jedenfalls will ich nicht, dass kleine Mädchen durch eine muslimische Kultur, die durch ihre Väter vertreten wird, so früh eingeengt und zu Denkverboten abgerichtet werden. Kurz und gut, ich möchte, dass sie in Deutschland, in Europa, freiheitlich-emanzipatorisch aufwachsen können. Und ich will, dass Menschen islamischen Glaubens sich unserer Kultur anpassen und demokratische Grundrechte nicht nur anerkennen, sondern auch innerhalb ihrer Familie und Communities leben. Die weit verbreitete Entwicklung von Parallelgesellschaften, in denen islamisch geprägte Familien nach islamischem Rechtsverständnis leben und allein das Familienoberhaupt, also der Mann, darüber bestimmt, was die Ehefrau, die Kinder, aber vor allem die Töchter dürfen und was nicht, widerspricht unserer demokratischen Gesellschaft und Kultur. Bin ich deshalb ausländerfeindlich? Ich muss aussteigen. Auf dem Fußweg zu Aurelie arbeitet es gewaltig in meinem Kopf.

2015, mit dem Beginn der Flüchtlingsströme nach Deutschland, versiegt für lange Zeit mein Drang, über Erlebtes zu schreiben. Ich fühle überdeutlich eine gesellschaftliche Zäsur, gleichzeitig einen Stillstand in mir, als befände ich mich in einem Vakuum. Dann jedoch konzentriere ich mich zusehendes auf die Ereignisse in diesem Zusammenhang, die Kommentare in den Medien und auf das, was die Anderen in meinem Umfeld dazu sagen. Fragen über Fragen bewegen mich: Was geschieht
hier und wie ist das in die Weltpolitik einzuordnen? Wer profitiert dabei? Und wie wird das Deutschland und Europa verändern? Welche Wirkung wird unsere Kultur, werden unsere Normen und Werte auf die eingewanderten Menschen haben und umgekehrt? Wie werden die Geflüchteten es verkraften, wenn sich die Verheißungen über Deutschland, das „gelobte Land“, nicht bewahrheiten? Welche ökonomischen Konsequenzen wird es geben?
Bei der Ankunft erzähle ich meiner Tochter, was ich soeben in der U-Bahn erlebt habe. Ihre erste Reaktion: „Mama sei vorsichtig, nicht dass du einmal zusammengeschlagen wirst oder Leute dich wegen Ausländerfeindlichkeit anzeigen!“ Soweit ist es jetzt also, dass ich Angst haben soll, meine Meinung zu sagen, zu sagen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn kleine Mädchen streng islamisch von frühauf zum Gehorsam erzogen werden. Wie ist das mit der sogenannten Integration? Sollen sich die zugezogenen Menschen etwa nicht an unsere Kultur anpassen?
„Du gehörst halt zur alten, äh, älteren Generation. Wählst du jetzt die AfD mit so einer Einstellung gegenüber Asylsuchenden?“ „So ein Blödsinn, ich werde niemals die Rechten wählen, das weißt du ganz genau!“ „Und denk mal darüber nach“, sagt sie, „was den muslimischen Menschen hier bei uns auffällt, zum Beispiel die freizügig angezogenen jungen Mädels oder die nackten Kinder beim Baden oder die Pädophilen, die sich an nackten Kindern aufgeilen“. „Aber kleine muslimische Mädchen haben sich bestimmt nicht für das Kopftuch oder eine Verhüllung entschieden und überhaupt, wenn es um Kinderrechte geht, werde ich mich immer einmischen.“

Ich sehe Aurelies betroffenen Gesichtsausdruck. Ihre Sorge um meine Sicherheit erreicht mich. Ich werde milder. Schließlich klärt sie mich auf, dass aufgrund des Klimawandels, der Dürren, der Überschwemmungen und Hungersnöte sowieso viele Menschen aus aller Welt nach Deutschland, nach Europa kommen und bleiben werden. Wir hätten uns nun mit allen möglichen Kulturen, Religionen und Lebensstilen anzufreunden. „Die jungen Menschen werden sich in Zukunft schon arrangieren mit den großen Veränderungen.“ Sie überzeugt mich mit ihren Argumenten nur teilweise. „Ja, ja und dann werden wir eines Tages staunen, wenn muslimische Mädchen immer früher verheiratet, zwangsverheiratet werden und ausschließlich mit Männern aus ihrem kulturellen Umfeld. Man hört doch immer wieder von Ehrenmorden, wenn sich die Töchter gegen die Zwänge ihrer Familie entscheiden und sich emanzipieren.“ Inzwischen wird uns das Thema zu heiß und wir reden über erfreulichere Dinge.
„Dann gehen Sie doch in Ihr Land zurück“: Tage danach nagt mein Satz an den muslimischen Vater immer noch in mir und auch seine Reaktion, als er hartnäckig das Kopftuch der Kleinen als Teil seiner Kultur verteidigt, die ich zu respektieren habe. Auch in „seinem Land“ hätte das kleine Mädchen wohl vermutlich Kopftuch tragen und sich dem strengen Regiment des Vaters unterwerfen müssen. Da aber vielleicht erst mit zwölf Jahren?
Eine Lösung, denke ich, läge darin, dass der Islam – der Islam? – sich wandelt, moderater und moderner wird, und Mädchen und Frauen als gleichwertige Menschen respektiert und akzeptiert. Genauso, wie der Prophet Mohammed es an einigen Stellen im Koran, zum Beispiel in Sure 9, Vers 71, formuliert hat.

Das Mädchen mit dem gelben Kopftuch lässt mich so schnell nicht los. Sagt nicht die westlich geprägte Entwicklungspsychologie des Vorschulkindes, kleine Mädchen im Alter zwischen drei und fünf Jahren würden sich nach ihrem ersten Liebesobjekt, der Mutter, dann dem Vater zuwenden und konkurrierten mit der Mutter um seine Liebe? Wobei es noch ganz andere tiefenpsychologische Deutungen von feministischen Forscherinnen dazu gibt.
Könnte es sein, dass diese Erkenntnis auch auf die kindliche Entwicklung in muslimisch geprägten Gesellschaften zutrifft? Wenn dem so wäre, was ich glaube, dann möchte das Mädchen mit dem gelben Kopftuch dem Vater ebenso gefallen wie ihm die Mutter mit dem Kopftuch gefällt. Dann will die Kleine das Kopftuch also wahrscheinlich selbst tragen?

Andererseits werden kleine Kinder in westlichen Ländern von ihren Eltern, im Kindergarten und in der Schule sowohl in ihrem Bewegungsdrang als auch in ihrem Fühlen und Sein ständig eingeengt – Stichwort katholische oder evangelische Denk- und Verhaltensgebote, Körper- und Sexualfeindlichkeit. Diese Einschränkungen sind aber nicht so offensichtlich wie das Kopftuch eines muslimischen Mädchens.

An diesem Nachmittag entsteht Nähe. Eine für mich überraschende, von mir erzeugte und gewollte Nähe zu einer muslimischen Familie. Ja, Nähe, das wage ich zu behaupten. Wobei ich nur spekulieren kann, wie sich meine Intervention auf diese Familie und insbesondere das Mädchen langfristig auswirken wird.
Nähe entsteht auch zwischen meiner Tochter und mir. Und schließlich wieder Nähe zu mir selbst, habe ich doch meine Fähigkeit, über aktuelle soziale Veränderungen zu schreiben, durch diese Konfrontation unbeabsichtigt zurückgewonnen.

Am Abend begleitet mich Aurelie durch den Park zur U-Bahn. Vor einem üppig in Pink und Rosa blühenden Baum fotografiert sie mich. Sie sagt, mit meinen leuchtenden Hosen und dem Shirt wäre das wirklich eine malerische Choreographie. Hätte ich doch bloß meinen gelben Schal umhängen als verstörenden Kontrapunkt.

©Christine.Hoffmann ,DBM_7822akn.jpg

Name der Autorin/des Autors
Christine Hoffmann
Einverständnis
einverstanden
Das Mädchen mit dem gelben Kopftuch

3 Kommentare zu „Das Mädchen mit dem gelben Kopftuch

  • 22. Mai 2021 um 8:08
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    Für mich eine interessante Auseinandersetzung mit dem, was passiert. Erste Reaktion meinerseits: Mutig! Warum mutig? Gedanken einer Frau aus der 68-Generation treffen auf Prozesse, die sich in der Gegenwart vollziehen.
    Der Zeitgeist ist mobil, er bewegt sich vertikal und horizontal, er irrt, er scheitert, er siegt, der bestangepasste holt den Pokal. Evolution, so heißt, das wohl. Wir Menschen gestalten ihn mit, alle Generationen haben das Bedürfnis mitzugestalten, die älteren aus Erfahrung, die jüngeren, weil die Zukunft ihnen gehört. Das ist spannend, das ist aufregend, aber so ist sie nunmal, diese Welt. Zuhören, nicht abwerten, alles hat seinen Sinn, da drin steckt die Dynamik oder, wie schon die alten und uralten Europäer sagten: These, Antithese, Synthese!

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  • 22. Mai 2021 um 14:09
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    Eine schwierige, mutige und eine ehrliche Geschichte.
    Ist nicht unsere eigene kulturelle Geschichte, unser christliches Europa , unser sogenanntes „aufgeklärtes“ Europa so tief in uns allen verwurzelt, dass wir immer über den Schatten unserer Denkweise springen müssen? Zu erkennen, dass kulturelle Assimillisation, dass Integration ein harter und langsamer Prozess ist, dazu trägt die Geschichte von Christine Hoffmann bei.

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  • 29. Mai 2021 um 16:00
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    In den Geschichten von Christine Hoffmann kann man es sich nicht gemütlich machen. Hinter dem Alltäglichen, der scheinbar unverfänglichen Begegnung lauert immer eine beunruhigende Dimension, die den Leserinnen und Lesern viel abverlangt, zumindest aber die Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen und Wertvorstellungen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur und sie wird von der Autorin auch in der hier vorliegenden Story, einer wahren Gratwanderung, souverän gemeistert.

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