Was soll ich denn damit? rief der Wolf enttäuscht aus und klappte den Koffer der Großmutter zu. So ungestüm, dass sein einziger Inhalt, zwei goldbraun glänzende Pferdefiguren, herausfielen und sich auf dem Fußboden überschlugen, wo sie schräg übereinander zu liegen kamen.

Das Rotkäppchen lachte hell auf. Soeben hatte der Wolf die Großmutter gefressen und nun schaute er, was er von ihren Hinterlassenschaften gebrauchen könnte. Ödes Gerümpel! knurrte er, na vielleicht kannst ja du was damit anfangen. Ich jedenfalls nicht!

Das Rotkäppchen lächelte. Nee, Lieber, bin schon zu groß um noch mit Pferdchen zu spielen. Hättst du die Großmutter nicht gleich gefressen, hättst du sie noch fragen können, was es mit den Figuren auf sich hat.

Der Wolf ging nicht darauf ein. Beide saßen im wohlaufgeräumten Wohnzimmer der Verblichenen auf dem Boden. Zu deren Lebzeiten hätte das Rotkäppchen sich das niemals getraut. Immer brav auf dem Sofa sitzen! Auf der Kante natürlich, Gelümmel wurde nicht geduldet. Und nur in blitzsauberer Kleidung! Ja, sie war schon eine Strenge, die Großmama. Aber was half ihr alles Strengsein jetzt?

Wohlig streckte der Wolf sich auf dem Teppich der toten Großmutter aus. Jetzt kannst ja du hier einziehen, meinte er gönnerhaft und gähnte gleich dreimal hintereinander. Werd ich sehen, meinte das Rotkäppchen, etwas abgelegen ist es hier schon. Leicht gelangweilt nahm sie nun doch eine der beiden Figuren in die Hand um sie näher zu betrachten. Vielleicht sind die was für Tante Agathe, sagte sie, die hängt immer auf Flohmärkten rum.

Flohmärkte! Der Wolf schüttelte sich vor Lachen. Die sind doch aus purem Gold, die Figuren, siehst du das nicht? Das Rotkäppchen verzog das Gesicht. Sie mochte es nicht, veräppelt zu werden. Auch wenn ihr der Wolf sonst ganz sympathisch war. Vielleicht ist ja der Koffer was wert, sagte sie. Was die Großmutter damit wohl für Reisen gemacht – – – ? Auf jeden Fall mehr als die beiden Ackergäule! fiel ihr der Wolf ins Wort. Behalte ihn doch. Ich kann ihn wegen der Farbe nicht nehmen.

Das Rotkäppchen lächelte, als sie sich den Wolf als Reisenden mit rotem Koffer auf einem Bahnsteig vorstellte. Und sich selbst sah sie gleich auch vor ihrem inneren Auge. Am Arm des Wolfs, Omas Köfferchen tragend. Angezogen wie ihre Großmutter, als die jung war. So genau wusste sie nicht, was damals Mode war, aber sie stellte sich selbst in einem Fantasiekostüm vor, das aus dieser Zeit stammen könnte. Sogar ein Hütchen trug sie auf dem Kopf. Der Wolf war in einen hellen Regenmantel gehüllt und wirkte ganz stattlich an ihrer Seite. Etwas windig allerdings auch. Ja was denn nun, stattlich oder windig – egal, langweilig auf gar keinen Fall! Und wohin reist man als junges Paar mit solch einem Koffer als einzigem Gepäck? Nach Paris bestimmt oder mindestens Lissabon. Während daheim zwei einsame Holzpferde grasen. Das eine grast, das andere guckt bloß verschlafen. Großmutters Zuhause vielleicht. Ein Gut oder Bauernhof, die Großmutter hatte wenig über ihre Herkunft gesprochen. Aus dem Osten vom Land kam sie, mehr aber nicht.

Was träumst du? holte die stets etwas näselnde Stimme des Wolfs das Rotkäppchen wieder zurück. Du hast bestimmt an etwas Schönes gedacht. Erzähl mir davon! Da war es wieder, das wenig einfühlsame Wesen des Wolfs, seine – nun ja – Zudringlichkeit, die es nicht duldete, wenn sie mal ganz für sich sein, ihre Gedanken und Gefühle mit niemandem teilen wollte. Ich habe an die Großmutter gedacht. Mir vorgestellt, wie sie wohl früher war. Als junge Frau. Unterwegs mit dem Koffer.

Woran sie sonst noch gedacht hatte – dass auch er, der Wolf, darin vorgekommen war, behielt sie für sich. Er brauchte wirklich nicht alles zu wissen.

Name der Autorin/des Autors
Jörg Neugebauer
Zwei Pferdefiguren

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