Mein italienischer Name

Mein italienischer Name

 

„Was für ein schöner Name, Di Fiore, ist das Italienisch?

„Ja“, nicke ich.

„Ihr Mann?“

„Nein, das ist mein Name, ich habe ihn nach der Hochzeit behalten. Ich bin Halbitalienerin.“

„Oh!“

Ich höre einen Hauch, von – ja was? Bewunderung, Neid, Bedauern? Schwärmt mein Gegenüber einfach nur? Die Deutschen und ihre Liebe zu Italien, wie mich das manchmal nervt.

„Wie schön, dann sprechen Sie bestimmt Italienisch?“

Treffer, wie erwartet, ein Fettnäpfchen.

„Naja, ich habe vor 45 Jahren in der Volkshochschule Italienisch gelernt.“

„Hm?“, ein fragender Blick, ein Schulterzucken.

„Mein Vater konnte selbst nicht richtig Italienisch, nur seinen Dialekt. Er konnte mir nichts beibringen. Ich glaube sogar, er hat sich geschämt, wenn Mutti und ich Hochitalienisch sprachen. Wie gern hätte ich ein Kinderlied von ihm gelernt. Aber ein Sprichwort kenne ich von ihm“ und intoniere: „Rosso di sera, bel tempo si spera.“

Bin ich jetzt davon galoppiert? Irgendwie fühle ich mich so.

Herr Bauer sieht mich nachdenklich an. Gerade eben waren wir im Arbeitskreis, mit Abstand und Schnelltest, versteht sich, und verlassen das Gebäude.

„Ja, die deutschen Bildungsbürger, die denken sofort an Zweisprachigkeit. Haben aber keine Ahnung, dass Sprache zu vermitteln auch was mit der sozialen Klasse zu tun hat“, frotzle ich.

Ach ich bin so traurig, dass mein Vater nicht konnte, denke ich gleichzeitig.

„Aber reden tut doch jeder. Hat Ihr Vater Ihnen dann ein bissel Dialekt beigebracht?“

„Das ging eher mit meiner Mutti, mit mir nicht.“

„Schade, das klingt nicht so leicht für Sie“, erwidert Herr Bauer.

„Ach, da fällt mir was Nettes ein: unsere Familiengeschichte von der Tomate.“

Ich lasse keine Pause, warte nicht auf eine Reaktion.

„Meine Mutter lernte meinen Vater auf dem Schützenfest kennen, wo sie als Bedienung arbeitete. Beim ersten Rendezvous brachte meine Mutti eine Riesentomate mit. Sie glaubte, alle Italiener liebten Tomaten. Gemeinsam verspeisten sie dann die Tomate. Nach dem Treffen musste Papa alles auskotzen, denn er verträgt keine Tomaten.“

Herr Bauer lacht nicht. Ich merke, wie traurig auch diese Geschichte ist.

„Früher als Kinder haben wir oft darüber gelacht.“

Ich fasse mir ein Herz und erzähle weiter. Wie ich als Mädchen dachte, mein Papa sei innen leer, weil nichts heraus kam, keine Gedanken oder Gefühle. Wie ich erst später Antennen für ihn entwickelte, sein Leid ahnte, spürte. Wie ich vom Tod seiner Mama erfuhr, nach der ich benannt bin. Dass er 10 Jahre alt war und danach keine Kirche mehr betrat. Dass ich seine wirklich üble Stiefmutter nie kennenlernte, aber seinen hartherzigen Dickschädel von Vater, meinen Opa, den nonno.

Ich fühle mich erleichtert. Schüchtern lächle ich Herrn Bauer an.

Er streckt seinen Ellbogen aus und meint: „Ich bin der Gottfried und du?“

„Ich bin Sandra, und trotz allem gern auch italienisch.“ Ich erwidere den Ellenbogengruß und freue mich auf unseren nächsten Arbeitskreis. Ich werde ihn danach fragen, was er mit seinem Vornamen verbindet.

Name der Autorin/des Autors
Karolina De Valerio
Einverständnis
einverstanden
Mein italienischer Name

Ein Kommentar zu „Mein italienischer Name

  • 22. Mai 2021 um 14:27
    Permalink

    Die Geschichte hat mich sehr berührt, mein Verständnis erweitern und der Ausgang gefreut.. Lieber Gruss an Dich, Karolina

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