In deiner Haut

Vor Jahren standen sie gemeinsam im Garten des bestzten Wohnhauses einträchtig nebeinander. Mit heruntergelassener Hose pinkelten sie gegen die Mauer des Nachbargrundstücks. Ihre Mütter saßen – ein wenig entfernt – auf einer Decke und lächelten. „Ist das nicht süß, black and White!“

Mousse steht vor dem großen, gerahmten Flurspiegel. Jeweils Daumen und Zeigefinger  greifen in eine Wange und ziehen sie in alle Richtungen. Bis es schmerzt und er sie los lässt. Weiße Augen starren ihn in der Dunkelheit aus dem Spiegel heraus an. Gesicht und Körper sind nur schemenhaft zu erkennen. Mousse betätigt den Lichtschalter und fährt mit der Selbstbetrachtung fort. Diesmal gilt seine Aufmerksamkeit dem Oberkörper.

Mousse ist ein guter Sportler. Bei Mannschaftsspielen in der Schule gehört er immer zu den ersteb, die gewählt werden. Schnell, wendig, fangsicher und – für sein Alter – riesig. Mousse ist ein freundlicher, zurückhaltender Junge. Bei Streitigkeiten zieht er sich eher zurück, als laut zu werden oder sich körperlich zu wehren.

Braun. Tiefbraun, beinahe schwarz ist die Haut. Glatt und weich. Er streicht mit Zeige- und Mittelfinger sanft über seine Arme. Beinahe makellos. Nie auf leichte Abschürfungen am Ellenbogen. Kein Pickel. Keine sichtbaren Narben. Wenn er geduscht ist, riecht sie auch nicht anders, als die, der anderen Schüler. Der Bauch ist flach, die Brust leicht ausgestellt. Wenn er eitel wäre, könnte er sehr zufrieden mit seinem Aussehen sein. Ist er nicht. Was ihn stört, ist die Farbe seiner Haut. Das war nicht immer so. Der Unterschied zu anderen war ihm nie wirklich aufgefallen.

Angefangen hat davor zwei Wochen. Mulle, Sven und Katja hatten Mousse nach der Schule in die Zange genommen. Ihn herum geschubst, bis er über ihre Beine fiel. Da erst hatte er gefragt, was sie von ihm wollen. Mulle hatte ein Knie auf seinen Brustkorb gedrückt und ihm einen Handspiegel vor die Augen gehalten.
„Das verstehst du nicht? Sieh dich am, Mann!“.
Er hatte sich angesehen. Verstand immer noch nicht.
Mulle ließ von ihm ab. Kurz darauf hatten ihm alle ins Gesicht gespuckt und waren wortlos gegangen.

Mousse hatte nichts erzählt. Weder zuhause, noch Leon, seinem besten Freund. Er hatte den Fehler bei sich gesucht. Hatte er sie beleidigt? Sie zu sehr genervt? Nach der nächsten Attacke, zwei Tage später, suchte er doch das Gespräch mit Leon.
„Das hört sich blöd an, aber wahrscheinlich ist es deine Haut, die sie stört.“. „Meine Haut? Wie kann meine Haut jemanden stören, ärgern oder böse sein“.
„Sie ist anders als die der Anderen. Sie ist braun!“

„Sie ist braun“, flüstert Mousse seinem Spiegelbild zu. Er reibt kräftig mit den Händen über sein Gesicht. Außer einem kaum sichtbaren errötenden Effekt passiert nichts.
„Es liegt an mir. Ich muss etwas tun. Eine Rebellion gegen die entstehenden Kriegshandlungen um mich herum. Ich kann die anderen nicht ändern. Aber mich.“
Er erinnert sich, wie Leon vor Jahren mit angelecktet Hand über seinen Unterarm geringelt hatte, um zu sehen, ob die Hautfarbe abwaschbar war. Damals hatten sie sich angegrinst, als keine Wirkung erzielt wurde.

Erhatte versucht sich zu verändern. Äußerlich. Mit weißer Kreide aus der Schule hatte er sich angemalt. Das sah lächerlich aus. Wie Kriegsbemalung. Sah aus, als wäre er auf dem Kriegspfad. Dabei wollte er nur in Ruhe gelassen werden.
Er hatte von der heilenden Wirkung von Zahnpasta gehört. Sollte gegen Pickel helfen. Sie würde vielleicht auch seine aufhellen. Vor dem Schlafengehen trug er sie an einigen auf, wo eine Verfärbung nicht sofort auffallen würde. Die Enttäuschung war groß, als am nächsten Morgen nichts geschehen war.

Der Druck der Schüler nahm zu. Immer öfter trieben sie Mousse in die Enge. Die Angriffe wurden brutaler. Mousse schrie. Mousse weinte. Mousse wehrte sich nichts. Mousse sagte nichts. Auch nicht, als Leon ihn bat, endlich gegenüber Lehrern und Eltern den Mund aufzumachen. Er wurde immer stiller.
Freitags ging er mit seinen Eltern in die Moschee. Still rief er Allah an, dass ihn die anderen in Ruhe ließen. Still bat er Allah, dass seine Hautfarbe sich der der anderen anpassen möge.

Die Übergriffe seiner Mitschüler könnten seinem körperlichen Zustand kaum etwas anhaben. Blaue Flecken verschwanden wieder. Ein paar Schrammen blieben kurzfristig. Innerlich eingeschüchtert, begann er an sich zu zweifeln. Es ging nicht darum, dass andere ihn so akzeptierten,wie er war. Er musste sich seiner Umwelt anpassen. Dann würde alles gut. Die Schrammen brachten für einen Moment hellere Haut zum Vorschein. Wie auch seine Handflächen hell waren. Das hieß, dass irgendwo unter dem Braun ein viel hellerer Ton warten musste.

Mütter und Väter waren in der Arbeit. Mousse hatte die Schule geschwänzt und war – nachdem der Wagen seines Vaters um die Ecke gebogen war, in die Wohnung zurückgekehrt. Die Tür hatte er verriegelt.

Die Betrachtung seiner Haut war abgeschlossen. Mousse geht ins Badezimmer und holt die Rasiermittel seines Vaters. Auch seine Mutter rasierte sich die Beine, aber ihre Klingen taugten weniger. Zu unscharf.
Er breitet die Utensilien auf dem kleinen Schränkchen im Flur aus, fährt mit dem Daumen über die Klingen, zieht eine aus der Halterung.
Diesmal möchte er die bearbeiteten Stellen sichtbar haben. Alle sollen es sehen. Sollen sehen, welche Mühe er sich gibt, einer von ihnen zu werden. Dass er gelernt hat, dass anders aussehen – anders sein – zum Ausschluss führt. Einen zum Außenseiter und zum Opfer macht.  80 Watt erhellen den Flur.
Mousse möchte jede Tat, jeden sichtbaren Erfolg seiner Verwandlung genießen.
Seine Augen sind aufmerksam auf den Spiegel gerichtet. Darin sieht er, wie sich seine rechte Hand – die, die Rasierklinge hält – sich zielsicher dem Oberkörper nähert. Knapp unter der Schulter setzt die auf der braunen Haut auf.
„Bald ist es soweit“, flüstert Mousse. Ein breites Lächeln entblößt seine Zähne.
Der erste leichte Riss in der Hautoberfläche lässt dem Jungen ein Zischen entfahren. Der nächste ist bereits Routine.

Name der Autorin/des Autors
Matthias Rische
In deiner Haut

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