Freund und Feind

Frank Strick

Freund und Feind

 

Die Frau kommt in das Zimmer. Der Mann, den Europa unter dem Namen Ratko Mladic kennt, steht am Fenster und sieht hinaus. Da draußen gibt es weder Bäume noch anderen Pflanzen, die ihm die Jahreszeit verraten könnten, und die gegenüberliegende Hauswand ist nah und hoch und lässt kein Licht in die Straßenschlucht fallen, an dem sich Winter oder Sommer ausmachen ließe. Die Wohnung liegt im dritten Stock. Die Luft ist stickig. Der Mann beugt sich vor und versucht, die Straße auszumachen. Er weiß, dass der Winkel zu steil ist. Im Radio spielen sie europäische Lieder, aus einem europäischen Wettbewerb, für den er nichts als Verachtung empfindet, so, wie für das ganze europäische Konstrukt.

Es ist Winter, denkt er, und du atmest stickige Luft und kriegst nichts davon mit, ja es könnte genauso gut Sommer oder Herbst sein. Du solltest hier weg, denkt er, an den Äquator vielleicht, wo es nur eine Jahreszeit gibt. Er weiß, dass das nicht möglich ist. Weil sie ihn suchen dort draußen. Dieselben Menschen, die ihn in den Krieg geschickt haben, als sie noch seine Freunde waren. Menschen, die keine Ahnung davon haben, was Krieg bedeutet. Menschen, die heute behaupten, dass es ein Verbrechen ist, Gefangene zu töten. Bosniakische Gefangene. Er öffnet das Fenster, beugt sich hinaus und sieht und riecht, dass es Winter ist. Seine Lunge füllt sich mit Sauerstoff. Er sieht die Menschen und ihre Kleidung. Sie schützen sich mit Pelzmänteln und Daunenjacken und Mützen vor der Kälte. Im Krieg, da gibt es keine Jahreszeiten, und auch kein Verbrechen. Im Krieg, da gibt es Kampf und Blut und Tod und zitternde, nackte Leiber.

„Ratko, bitte, du weißt, dass es nicht gut ist, dich im Fenster zu zeigen.“

„Du sollst mich nicht bei diesem Namen nennen.“ Er dreht sich zur Frau um. Er weiß, dass sie recht hat, er hat es ihr selber gesagt. Sie versteckt ihn vor den Menschen, die heute seine Feinde sind. Sie hilft ihm nicht, weil sie weiß, was Krieg bedeutet. Sie hilft ihm, weil sie ihn liebt.

Sie sagt: „Ich ziehe die Hose an, in der mein Po so schön aussieht.“

Er lehnt seine Hüfte an das Fensterbrett. Die Oberschenkel sind an die heißen Rippen des Heizkörpers gedrückt. Das ist der Winter, denkt er, der Heizkörper und die trockene Wärme, die er ausstrahlt, und die mich schläfrig macht. Als er sich noch Ratko Mladic nannte und eine ganze Armee unter sich hatte, da haben sie ihm bosniakische Frauenpos hingestellt, einer schöner als der andere, und so viele, dass, nun ja, dass er eine ganze Armee damit versorgt hat. Er gähnt. Sie haben vorher miteinander geschlafen, was seine Schläfrigkeit verstärkt. Die Frau hat ihren Morgenmantel übergezogen.

„Der Schneider“, sagt sie, „er sagt, dass die Hose wie für meinen Po gemacht ist.“

Der Heizkörper brennt ihm durch den Stoff seiner Hose hindurch heiße Streifen in seine Schenkel. „Ich finde, dass es eher Röcke sind, die für deinen Po gemacht sind.“

„Es ist kalt. Es ist Winter.“ Sie sieht an sich runter. „Du meinst, mein Po ist nicht für Hosen gemacht?“

Er stößt sich vom Fensterbrett ab und steht jetzt sehr aufrecht, die Arme vor dem Brustkorb verschränkt. „Dein Po ist weder für Hosen gemacht, noch ist er für sonst was gemacht, außer vielleicht dafür, den Darm zu entleeren.“

Sie mag es nicht, wenn er so redet.

Er sagt: „Es gibt Röcke, die sind für den Winter gemacht.“

Sie streicht sich mit der Hand über das Becken. „Mein Po ist für den Sommerrock gemacht, ein Sommerrockpo, und im Winter, da versteckt er sich in Hosen.“

Er sieht sie hart an. Die Schläfrigkeit verschwindet. „Dein Schneider ist ein Lügner.“

Sie weicht dem Blick aus. „Lass uns bitte über etwas anderes reden.“

„Ich will nicht über etwas anderes reden.“

Sie schweigen.

„Was hat er noch gesagt?“ fragt er dann.

„Du meinst den Schneider?“

„Ich meine den Schneider.“

„Dass er den Schnitt nachbessert, wenn es vom Komfort her nicht passt, aber dass es aussieht, als wäre die Hose für meinen Po gemacht.“

„Ist sie ja wohl, denn du bezahlst ihn dafür.“

„Jetzt sei ein bisschen anders“, bittet sie ihn, „das sagt man doch so.“

„Nichts sagt man so“, widerspricht er, „man sagt etwas, oder man lässt es bleiben.“

Sie schlägt die Hände vor das Gesicht. Er sieht ihr an, dass sie gleich weinen wird. Im Radio läuft der Beitrag aus Aserbaidschan, ein Grauen, und was bitte hat Aserbaidschan in einem europäischen Wettbewerb verloren. Er sagt: „Weine nicht, und nimm die Hände aus dem Gesicht.“ Sie weint nicht und nimmt die Hände aus dem Gesicht und dreht das Gesicht so, dass er sieht, dass sie nicht weint.

„Warum bloß liebe ich dich, du bist so gemein.“

„Es ist wohl, weil wir miteinander geschlafen haben.“ Er sieht sie lange an. Die Schläfrigkeit ist verschwunden. „Auch dein Frisör ist ein Lügner.“

Sie wendet ihr Gesicht ab. „Sei nicht so gemein.“

„Es ist mir lieber, als zu lügen.“

Sie versucht ein Lächeln. „Lass uns freundlich zueinander sein, bitte.“

Er beginnt, auf den Fußballen zu wippen. Die Band aus Aserbaidschan jammert sich durch ihren Beitrag. Er sagt: „Ich gebe nichts auf deine Freundlichkeit.“ Er hört auf zu wippen. „Geh ins Badezimmer, bade dein Gesicht in kaltem Wasser, sieh es dir im Spiegel an, und dann sagst du mir, was du siehst, und dass du mit ihm geschlafen hast.“

Sie schüttelt den Kopf. „Du meinst den Frisör?“

„Ich meine den Frisör“, bestätigt er, „und den Schneider.“

Sie wendet sich ab und geht aus dem Zimmer. Er schließt das Fenster, schenkt sich ein Glas Whiskey ein, setzt sich damit auf die Couch und denkt sich, dass er ein Schwein ist und dass es ihm egal ist, und dass es der Krieg ist, der einen dazu macht, und dass es ihm egal sein wird, bis er stirbt, und da kommt dann für ein paar Sekunden die Reue, wenn es so ist, wie man sich erzählt. Man erzählt es sich vor allem dort, wo der Tod ein ständiger Begleiter ist. Manche behaupten, dass er zu deinem Freund wird. Er weiß, dass das nicht stimmt. Jemand, der dir nicht von der Seite weicht, ist noch lange nicht dein Freund. Er hat den Tod gesehen, in den Augen seiner Feinde und in den Augen derer, die sich Kameraden nannten. Der Tod ist nicht dein Freund. Der Tod ist der Tod. Und wer etwas anderes behauptet, der hat keine Ahnung.

Die Frau steht in der Tür. „Wo ist die Hose?“

Er ignoriert die Frage. „Was hast du im Spiegel gesehen?“

„Eine Frau, die unglücklich ist. Wo ist die Hose?“

„Im Keller, da hängt dein Schneider dran.“

„Red nicht so“, bittet sie ihn.

„Du glaubst mir nicht.“

„So redet man nicht.“

„Du glaubst, dass ich lüge.“ Er trinkt einen Schluck aus dem Glas. „Sieh nach, wenn du glaubst, dass ich lüge, ich habe ihn erhängt, gestern, als du einkaufen warst und er an deine Wohnungstür klopfte, um mit dir zu schlafen.“

„Ich sehe nicht nach.“

„Sag, dass du mit ihm geschlafen hast“, fordert er.

„Ich hasse dich.“

„Mach, was du willst.“

„Ich hasse dich.“

„Wenn es das ist, was du willst.“

„Ich sehe nach.“

„Mach das“, sagt er, „auch, wenn es kein schöner Anblick ist.“

Die Frau geht, und er denkt sich, dass er ein Schwein ist, und dass er es nicht anders will, und dass jeder das machen sollte, was er will, weil alles andere vergeudet ist. Im Radio kündigt der Sprecher den serbischen Beitrag an. Ratko Mladic erhebt sich und singt mit und tanzt, einen traditionellen Kolo.

Name der Autorin/des Autors
Frank Strick
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Freund und Feind

8 Kommentare zu „Freund und Feind

  • 24. Mai 2021 um 23:39
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    In kristallin-klarer Sprache seziert Frank Strick das Wesen des Menschen und den Wahnsinn des Krieges. Zwischen den Völkern und auch den Geschlechtern. Volltreffer!

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    • 28. Mai 2021 um 6:23
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      Der Text ist atemberaubend,
      und sicher keine Hommage an Europa! Sollte er eine Warnung sein?

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  • 27. Mai 2021 um 11:08
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    Der Autor ist tiefgründig ..wirklich lesenswert!

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  • 27. Mai 2021 um 12:29
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    Strick mit seiner klaren Sprache ist unverzichtbar in meinem Bücherregal.

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