Souvenirs

„Souvenirs“ von Annette Katharina Müller

 

Adria, Campingplatz

Algida – rote Plastikstühle mit Herz

auf der Restaurantterrasse

raucht ein Paar mit Ganzkörper-Tattoos.

Ein Kind schaukelt.

Was geschieht hinter hellblauen Fensterläden?

Gänseblümchen strecken sich neugierig.

Rot-weiße Sonnenschirme warten flüsternd ab.

Ferrarelle – Acqua Minerale.

Die Schaukel quitscht ihr Auf und Ab.

Ein dicker Mann in Shorts schreit.

Ein Spatz hoppelt und glotzt.

Möwen gleiten vorbei.

Eine auf der Terrasse festgeklebte Eidechse flattert mit den Lidern.

Ein Feuerwehrschlauch kriecht am Weg entlang.

Stare rennen durch die Wiese.

Die Mauer zum Strand hält.

Abends wird das Meer abgesperrt.

 

Paris, Centre Pompidou abends

Himmel in rosé. Wolken grau, zerrissen.

Geradeaus La Defense.

Rechts Sacre Coeur, erleuchtet auf dem Hügel.

Der Invalidendom, zum Streicheln rund die Kuppel.

Der Tour de Montparnasse eckig und schwarz und

mit blauen Lichtern.

Dagegen der Eifelturm ein Spielzeug:

pink, gelb, blau am Souvenirstand

und in allen Größen.

 

Paris, Montmatre

Gekrümmte Straßen verzweigt den Hügel hinauf.

Stoffläden, afrikanische Friseure, Arab du Coin.

Farbige und Studenten. Kneipen.

Fußball im Fernsehen oder arabisches Programm.

Wo RAP läuft, kann jeder hin.

Wo nur Männer sitzen, sind Frauen unerwünscht.

Farbige stehen auf Gehsteigen herum. Schauen.

Warten, dass die Zeit vergeht.

Etwas wird geschehen.

Irgendwann.

 

Chalkidiki, Strand

Oranger Schirmchenstrand,

an den das Meer verhalten plätschert.

Amouliani gegenüber – leicht unscharf.

Die Sonne brennt und sticht Silbertupfen ins Wasser.

Rechter Hand kleine Motorboote an Bojen.

Der Wind streichelt über ihre Sonnensegel.

Dahinter in hellen Grautönen die Hügelkette Sithonias. 

Ein Motorboot brettert vorbei, umhüllt von einem weißen Wasserschleier.

Ein Schwimmer überwindet die gelbe Bojenkette.

Kleine Jungen schlagen Steine aufeinander.

Urzeitliche Spiele.

 

Chalkidiki, Hotel im Regen

Wer jetzt Badeurlaub gebucht hat, muss dableiben.

Wer jetzt Badeurlaub gebucht hat, ärgert sich schwarz.

Verwaiste Poolandschaft.

Auf den Plattenwegen stehen Pfützen.

Die Strassbesetzten Riemchensandalen

saugen sich voll Wasser.

Katzen hasten auf trockene Plätzchen.

Kein Stern ist zu sehen, aber die Luft ist klar.

Von der Kassandra-Halbinsel blinken Dörfer herüber.

Das Kühlaggregat des Supermarkts brummt lauter als sonst.

Selbst die entfernte Straße ist zu hören.

Trostlosigkeit kriecht die Mauern hoch.

Aus den Türritzen dringt der Streit von Ehepaaren:

„Ich hab den Urlaub nicht gewollt…“

Geckos kleben bewegungslos an den Wänden.

Schwalben tuscheln leise in ihren Nestern.

Von den Palmenblättern tropft der Regen.

 

Lissabon, Café unterhalb des Castelo

Blendendes Weiß der Tische, Stühle und Schirme.

Eine Palme höher als ein Fahnenmast.

Eine Straßenbahn schiebt sich um die Kurve.

Der Waggon gelb und voll.

Das Holz knarrt, als würde es stöhnen.

Eine Touristengruppe auf dem Aussichtspunkt.

Kurze Hosen, Mützchen, Rucksäcke.

Häuser in Pastelltönen fallen den Hügel hinab.

Sao Miguels Glockenturm grüßt zum Tejo.

Hoch wie ein Wohnblock die „Queen Victoria“ am Landesteg.

Undeutlich die Häuser am anderen Ufer.

Verwischt die Hügelkette darüber.

Und mitten im Tejo steht ein Schiff und träumt.

 

Portugal, Revolutionsfeier in Arraiolos

25.4./26.4.: Vertreibung von Salazar.

Um Mitternacht ein Feuerwerk.

Morgens Defilée unter der Sonne.

Marschmusik und Böllerschüsse.

Echos von den Häusermauern.

Eine aufgebaute Bühne,

weiß getünchte Häuser als Festkulisse.

Das halbe Dorf auf dem Platz.  

Ein Pavillon mit Getränken.

Gespannte Erwartung.

Revolutionslieder vom Band,

das Volk feiert sich selbst.

Kinder üben Radfahren.

Eine kämpferische Lautsprecherstimme,

dann Kindergeschrei.

 

 

 

 

 

 

Name der Autorin/des Autors
Annette Katharina Müller
Einverständnis
einverstanden
Souvenirs

Ein Kommentar zu „Souvenirs

  • 26. Mai 2021 um 19:53
    Permalink

    Die Betrachtung vieler europäischer Stätten führen zu Abwechslung in der lyrischen Darstellung, die auch in ihrer Form unterschiedlich ist. Gemeinsam ist der äußere Beobachter, der dem Text eine gewisse Melancholie verleiht. Am besten ist m. E. die Station in Portugal gelungen.

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