Nachlese: Das Leben, sonst nichts. 12. Themenabend, 11.5.19

x P5110269Was kann man über das Leben sagen? Allgemein und für den einzelnen persönlich? Die Autoren der litbox2, Tania Rupel Tera und Jörg Neugebauer, warteten mit überraschenden Antworten und Texten auf. Das Leben, so Tera, sei wie eine Ehe. Man nimmt es, wie es ist. Es nütze nichts, es zu verändern oder zu betrügen, denn dann verändere und betrüge man sich selbst. Und Jörg Neugebauer meint, das Leben sei dazu da, Träume zu verwirklichen, seinen Ideen Realität zu geben – den Augenblick zu locken, in dem sich dies alles füge. Unter diesen eigenen Vorgaben stellten die Autoren im gemischten Einzel ihre Texte vor.

Tania Rupel Tera begann mit ihrem Prosatext „Der Fluss“, einer stimmungsvollen Erzählung aus ihrem aktuellen Buch „Plötzliche Hunde“. Eine Frau steht auf einer Brücke in Pisa und betrachtet den Fluss Arno. Er trägt die Leichen von Bäumen auf seinem gelbbraunen, schmutzigen Rücken, der bröckelnde Putz von den Wänden einer Kirche sättigen dessen Grundton – und plötzlich entdeckt sie darin Lichter … und fühlt sich bis zur Verzweiflung glücklich. Der Fluss ist Leben und Hoffnung, für sie, für die Menschen, er trägt die Zeit in sich, Tod und Ewigkeit, und am Ende fließt er ruhig durch sie hindurch. Eine wundervoll poetische Erzählung über Leben und Tod und jenem Augenblick, in dem dies plötzlich und überwältigend spürbar wird.

Und Jörg Neugebauer – er setzte dem „Fluss“ wunderbare, kleine poetische Grotesken entgegen, das „Ja, das Nein“, die gute „Seeluft im Wald“, den zur „Tüte gefalteten Morgen“ und viele andere Gedichte, in denen er zeigte, dass für ihn das Durchschnittlich-Normale eher das Sonderbare ist. Klug seine Gedankenspiele mit Widersprüchen wie in „Der langsame Ferrari“, geistreich und gesellschaftskritisch seine Ausführungen in „Der Tugend-Mop“, in dem er die political correctness aufs Korn nimmt. Philosophisch seine Erkenntnis, dass „wahrscheinlich nur die Zwischenräume wahr sind“.

Mit Applaus und Gesprächsstoff ging es in die Pause, nach deren Ende wieder Jörg Neugebauer die zweite Runde des gemischten Einzels eröffnete. „Wien. Nacht“ – was könnte zum Thema „Leben, sonst nichts“ und dem Untertitel „Gunst und Kunst des Augenblicks“ besser passen als eine Erzählung über Siegmund Freud. Jörg Neugebauer widmet dem großen Psychoanalytiker nicht nur den einen Augenblick der Erkenntnis, sondern eine ganze Nacht, in der dieser mit sich, seinem Leben und seinem Werk ringt, immer davon angetrieben, Ruhm und damit Unsterblichkeit zu erlangen. Die Erzählung, die frei und ohne biografischen Anspruch auf Leben und Werk die Fragen von Hingabe, Erkenntnis sowie innerer und äußerer Wahrheit interpretiert, gibt dem Augenblick der Erkenntnis einen durchaus fragend zweifelhaften Ausblick auf die Ewigkeit mit auf den Weg.

Den poetischen Gegenpol setzte nun Tania Rupel Tera mit neuen, noch unveröffentlichten sowie einigen Gedichten aus ihrem Gedicht- und Bildband „Der Schrei der Tropfen“. Traum, Schlaf, Tod und Leben bilden darin dichte und berührende Bilder, die eine ungewöhnlich expressive Kraft und Emotionalität entwickelten. „**** Zum Schreiben zu glücklich“ ist eines dieser Gedichte, das – wie bei Jörg Neugebauer – augenzwinkernd mit der Widersprüchlichkeit des Lebens und des Augenblicks spielt. Tiefgründig dann in „**** Es regnet wie im Schlaf“, gefühlvoll in „**** Mein weiches weißes Grab“, poetisch-kraftvoll in „**** Träge Passanten“. Das Leben, der Augenblick … vielleicht sind sie wie „**** Der Schatten eines Vogels“, sonst nichts! (PS: Da die Gedichte keine Titel haben, sind sie hier mit **** eingeführt.)

Es war eine wunderbar abwechslungsreiche literarische Performance der beiden Autoren Tania Rupel Tera und Jörg Neugebauer, mit „… Augenblicken, in denen Zeit und Raum tiefer werden und das Gefühl des Daseins sich unendlich ausdehnt“ (Charles Baudelaire). Die litbox2 sagt Danke und wünscht einen wunderbaren Sommer.

Die nächste litbox2 findet wieder in zwei Monaten am 10. August statt.

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